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Zitate aus den beschriebenen Artikeln 2 |
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Kärntner Nummer der "Wartburg"
"Amtliche Zeitschrift d. Deutsch-evang. Bundes f. die Ostmark u. des Salbundes"
Ausgabeort Leipzig
Ausgabe vom 15. Oktober 1909 |
"Die Evangelischen in Kärnten
Als der erste Reisezugwagen aus dem regnerischen Salzburg durch den Wall der Hohen Tauern gefahren war und den blauen Himmel Kärntens über sich hatte, sollen einige, natürlich reichsdeutsche, Reisende gerufen haben: "Evviva Italia!" Wie viel Unverzeihliches steckt in diesem "gefühlvollen" Ausruf! Erst eine Eisenbahn mußte den deutschen Durchschnittsreisenden mit der strahlenden Helle der kärntner Gletscher, mit der waldfrischen, quellenfrohen Einsamkeit der kärntner Almen, den köstlich reinen, in herrlichem Blau und Grün aufleuchtenden Seen des Kärntnerlandes bekannt machen.
Gletscher, Quellen, Seen weist auch die Karte des evangelischen Geisteslebens in Kärnten auf. Gemeinden, die seit 130 Jahren nach Gletscherart die geistige Dürre des Niederlandes mit der Jungmannschaft, die sie abzugeben vermochten, beschenkten; eine nicht geringe Anzahl tüchtiger, originaler Köpfe, die wie frische Quellen dort, wo Versumpfung drohte, spülend und unablässig frische Gesundung brachten. Und schließlich seit einigen Jahrzehnten die beiden kräftig wachsenden Gemeinden Klagenfurt und Villach, die, dem Ossiacher und Wörther See vergleichbar, aufnahmen, was die Berge sendeten, und mit dem, was der Strom herbeiführte, zu klarer Einheit zusammenströmen ließen. Es entstanden auch noch kleiner Seen der Art, so Spittal a. d. Drau, St. Veit, Wolfsberg, Hermagor. Aber dieses ganze kirchliche Wesen, 18 Pfarren, 10 Filialen, 22 000 Seelen oder fünf von Hundert der Bevölkerung, hat, wie das Land selbst, ein wenig beachtetes Dasein geführt. Wenigstens wurde man dort der Sache nicht gerecht, wo man nur Übertritte zählte oder in unklarem Hochmut auf "Gottes Wort vom Lande" herabsah.
Die Kärntner haben, obwohl sie längst nicht so unterstützt werden konnten, wie es heute bei den sich ordnenden evangelischen Gemeinwesen geschieht, nicht nur bereits zu Josef des 2. Zeit erreicht, was im übrigen Österreich erst erreicht werden soll, nämlich daß jeder Katholik an unbefangenen Handel und Wandel mit Evangelischen sich gewöhnt. Sie haben auch eine Reihe stattlicher Kirchen und Pfarrwesen errichtet und durch ein Dreivierteljahrhundert über dreißig evangelische Schulen erhalten. Sie haben ununterbrochen ihre überschüssige Kraft an die Städte abgegeben und so, im Verein mit Obersteier und Oberösterreich, die ersten Anfänge von Gemeinden wie Graz, Marburg, Klagenfurt, Villach, geschaffen.
Wenn trotz dieser erstaunlichen Kraftentfaltung in diesen Gemeinden wenig "Werbekraft" zu stecken scheint, so ist der Grund dafür unschwer gefunden. Als der Ruf "Los von Rom" erscholl, besaß das evangelische Kärnten längst eine ganz bestimmte kirchliche Eigenart, über die das Urteil der katholischen Landesgenossen seit Jahrzehnten feststand. Es lautete: "Anständig, aber ärmlich." Ein mühsames, achtungswertes, aber sonnenarmes Ausharren, hier und da durchblitzt vom Worte geistig hochstehender Führer, in seiner Konsequenz dem liederfrohen Kärntner etwas verwunderlich, der ziemlich sorglos die Rose pflückt, eh´ sie verblüht. Und in der Tat, wenn wir hören, daß ein emeritierter Pastor vor 20 Jahren die Stelle eines Advokatenschreibers annahm, um seine alten Tage fristen zu können, wenn wir die "Pfarrkeuschen" von Klagenfurt, Trebesing, Dornbach sehen und uns vorstellen, daß dort gebildete Leute mit zahlreicher Kinderschar sich bei lächerlich geringen Einnahmen ihr Leben lang beholfen haben, so wird das äußerliche Urteil der katholischen Nachbarn begreiflich, denn auf den Pfarrer sieht man zuerst. Aber diesem Äußeren entspricht ein Inneres. Und das soll doch einmal auf den Leuchter gestellt werden.
Woher erklären sich denn Kraft und Halt dieser Gemeinden? Wie kommt es, daß Sonntag für Sonntag sich die Kirchen bis auf den letzten Platz füllen, daß die Gemeinden für den Kirchenbau Opfer bringen, die, etwa von der Wiener Gemeinde nur ein einziges Mal gebracht, hinreichen würden, den Alpenländern die dreißig fehlenden Kirchen, Pfarrhäuser und Besoldungsschätze zu verschaffen? Einen Grund bildet die Unbeugsamkeit und Zähigkeit des Gebirgsbauern, dessen Eigenart ich in Selle´s "Bergheil" im "Bergbauernhaus" geschildert habe. Den anderen bildet die oft nicht verstandene und darum auch nicht gewürdigte Tätigkeit des kärntner Pfarrers, ein Typus, der sich, wo immer der Einzelne herstamme, in Wahrheit die Gemeinden selbst schaffen. Diese Männer, leisten, mit Ausnahmen natürlich, was geleistet werden muß. Sie verlieren zweifellos im Laufe der Jahre den Zusammenhang mit dem geistigen Eintagsleben und sind zweifellos alles andere als geistreiche Plauderer. Sie verwachsen in einem Maße mit den Gemeinden, daß sie zum Teil anderwärts überhaupt nicht mehr zu brauchen sind. Aber darin gerade liegen Wucht und Trieb ihrer unablässigen Wirkung. Ihre Predigt, die vor einer "prinzipiellen Beurteilung" kaum Stich hält, flößt durch ihre Zweckmäßigkeit dem Achtung ein, der Land und Leute kennt. "Festpredigten" bedeuten Verlegenheiten. Und wenn gegen Frühjahr der Schnee schmilzt, der Südwind die letzten welken Blätter verstreut und Alter und Schwachheit sich zu den ewigen Ostern rüsten, da steigt der kärntner Pfarrer viele Stunden weit durch den tiefen, frühlingsnassen Schnee und bringt den absterbenden Gliedern der Gemeinden, die nicht mehr mit den Hunderten zum Charfreitagsmahl wallen können, das Brot und den Wein. Einen kenne ich gut, einen herkulischen Mann, der in der Passionszeit zu allen Alten und Schwachen seines großen Sprengels geht, die bis hinauf zur Waldgrenze hinauf in dumpfigen Hinterstuben halbvergessen hausen und sich nach Wort und Sakrament und ein wenig Liebe sehnen. Das sind in manchen Jahren 60-80, mitunter Tagereisen erfordernde Besuche. Er, der vor einer Berufung in ein Elitekandidatenstift absolut sicher gewesen wäre, hält das für selbstverständlich. Ich kenne anderswo Leute, die es für verlorene Zeit halten, sich mit Bahn oder Wagen zu zwei Kindern zu begeben, um sich mit ihnen an der Herrlichkeit des Heilandes zu freuen; weil es eben nur z w e i Kinder sind.
Besonders reich an tüchtigen, kernigen Männern wurde die evangelische Kirche in Kärnten, als die Jugend von 1848 in die theologischen Ämter einzog. Da kam der spätere Superintendent Bauer, hochangesehen durch die milde Reife seiner Persönlichkeit wie durch den selbstverleugnenden Fleiß seiner Amtsführung, der innigst gemütvolle Medikus, später Senior in Triest, dem die alten Leute in Arriach es heute noch nicht vergessen, wie er ihnen als Kindern die Blumen am Wege und die Vögel in der Luft gedeutet hat.
Es kam Cerwenka, der Historiker, später Doktor der Theologie und Pfarrer in Frankfurt am Main, der in seinem Gemeindeboten mit staunenswertem Fleiß und wärmster Begeisterung am Ausbau der österreichischen evangelischen Kirche mitgearbeitet hat.
Es kam der phantasiebegabte Diez, ein alpenländischer Gerok*), der den amtsbrüderlichen Verkehr und die Gustav-Adolf-Feste mit seinen dichterischen Gaben schmückte und belebte.
Da war der schlichte, treue Schmidt, Senior in St. Ruprecht, den Begriff des Freundes in sich verkörpernd.
Und Winkler, der neben eiserner Festigkeit und Wachsamkeit gegen äußere und innere Gemeindenot vor anderen die Gabe hatte, kräftige und den Bauern handliche Sprüche zu prägen, sodaß noch lange im Gedächtnis bleiben wird, "was der Pfarrer Winkler gesagt hat".
Der letzte Heimgegangene dieser prachtvollen Generation war der durch Witz, Geist und reiche Belesenheit ausgezeichnete Senior Tillian, ein feiner Kenner und Ausleger des klassischen Altertums und ein oft derber Verteidiger seiner Eigenart, wenn aufs Abschleifen gerichtete Bestrebungen sich zeigten. Ihm war es ebenso unmöglich, einen Orden anzunehmen, wie den Hohn zu sparen, wenn geistlicher Hochmut nur den eigenen Weg anerkennen mochte. Aber er starb, beweint von allen, die er geführt und denen er geholfen hatte, gleichviel ob etwas in seiner eigenen Tasche blieb oder nicht.
Die folgende Generation reichte an diese Männer weder im Durchschnitt noch im Einzelnen heran. Sie hat treu und hingebend bewahrt, was ihr anvertraut wurde. Nur Senior Schwarz brachte durch seine Anstalten ein neues Ziel in das kirchliche Leben Kärntens. Seine Glaubenskraft und Glaubensfreude, wie seine Schonungslosigkeit gegen sich selbst seien von Herzen anerkannt, wenn es auch dem Volksfreund nicht verborgen bleiben kann, daß die Behebung des kärntner Kinderelendes [uneheliche Geburten] nur durch wirtschaftliche Veränderungen zu erreichen ist, sodaß also die Arbeit [Senior] Schwarzens nach dieser Richtung wohl den Wert der Linderung, nicht aber der Hilfe hat.
Wir sehen: geschlafen haben die kärntner Evangelischen nicht. Wenn ihre Wirksamkeit als ein "Saltz" nicht zahlenmäßig zu messen ist, so tritt zu den früher angeführten Gründen noch hinzu, daß die katholische Kirche erst seit kurzem in jener Art auftritt, die zur Los von Rom-Bewegung zu führen pflegt. Der Vorgänger des jetzigen Bischof Funter, war ein Mann ganz nach dem Herzen der kärntner und mit dem Superintendenten Bauer aufs freundschaftlichste verbunden. Erst dem Bischof Dr. Kahn war es vorbehalten, den Anstoß, den die Badeni-Zeit gegeben hatte, nach Kärnten zu lenken. Seitdem hat die Los von Rom-Bewegung nicht geruht. Dafür sorgen schon des Herren Bischofs [Dr. Kahn] gelehrige Schüler.
Die Los von Rom-Bewegung hat das Epigonenhafte, das seit längerer Zeit der kärntner kirchlichen Arbeit angehaftet hat, zum Schwinden gebracht. Neue Ziele, neue Männer; neue Männer, neue Ziele. Und es leidet keinen Zweifel, dass Kärnten, besonders nach Eröffnung der Tauernbahn, für eine Herrschaft des Klerikalismus nun endgültig verloren ist. Bringen es solche verhältnismäßig befriedigende Verhältnisse auch mit sich, daß die zahlenmäßigen Verschiebungen von der römischen zur evangelischen Kirche keine besonders auffallenden sind, so fördern sie doch die friedliche Durchdringung mit positiven, modernen, auf dem Boden der Reformation gewachsenen Gedanken. Das zieht größere geistige Regsamkeit nach sich. Und so kommt es beispielsweise, daß in Villach der allerdings trefflich ausgerüstete evangelische Pfarrer sein gutes Hundert Katholiken vor der Kanzel hat, während an an anderen Orten trotz ausgesprochener "Freiheitlichkeit" die Leute viel zu träge sind, um der jetzt so energisch arbeitenden evangelischen Kirche auf den Zahn zu fühlen.
Zu wünschen wäre den Kärntnern noch, daß die "maßgebenden Kreise" ihre maßlose Intoleranz gegenüber den himmelschreienden wirtschaftlichen und sozialen Not- und Übelständen fahren ließen. (Der einzige, der da wirklich schöpferisch gearbeitet hat, ist der [Spittaler] Abgeordnete Steinwender. Dann könnte man schon eine fortschreitende Gesundung des Landes nach innen und außen glauben lernen. Zu tun ist freilich noch viel, fast alles. Wenigstens haben sich aber die Hindernisse, die anderwärts allen gedeihlichen Fortschritt hemmen, hier schon ausgiebig beseitigen lassen. Leibnitz. D. Johannes Alban"
*) [GEROK, Karl, Theologe und Dichter, * 30.1. 1815 als Pfarrerssohn in Vaihingen an der Enz, † 14.1. 1890 in Stuttgart.
G. besuchte das Gymnasium in Stuttgart, wo Gustav Schwab sein Lehrer war und seine Dichtergabe weckte. Er bezog 1832 das »Theologische Stift« in Tübingen und wurde 1837 Vikar seines Vaters in Stuttgart, 1840 Repetent am »Tübinger Stift« und 1844 Diakonus in Böblingen. Seit 1849 wirkte G. in Stuttgart, zunächst als Diakonus an der Hospital- und dann an der Stiftskirche, 1852 bis 1862 als Archidiakonus an der Stiftskirche und Dekan der Landdiözese, danach als Stadtpfarrer an der Hospitalkirche und Dekan der Stadtdiözese, seit 1868 als Oberhofprediger und Mitglied des Konsistoriums mit dem Titel und Rang eines Prälaten.
G. war ein hervorragender Prediger und ist bekannt als der meistgelesene religiöse Lyriker der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Gedichte sind aber für den Gemeindegesang nicht geeignet und haben darum nur wenig in den Gesangbüchern Aufnahme gefunden. Genannt seien: »Sieh uns fertig, gegenwärtig, anzubeten, Herr, vor dir«, »Danket dem Schöpfer und preist den Erhalter, dessen Barmherzigkeit immer noch neu!«, »Ich klopfe an zum heiligen Advent und stehe vor der Tür«, »Selig, wer im Weltgebrause nach der obern Gottesstadt, nach dem rechten Vaterhause stets ein Fenster offen hat«, »Durch manche Länderstrecke trug ich den Wanderstab« und »Ich möchte heim! Mich zieht's zum Vaterhause.«] |
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Kärntner Nummer der "Wartburg"
"Amtliche Zeitschrift d. Deutsch-evang. Bundes f. die Ostmark u. des Salbundes"
Ausgabeort Leipzig
Ausgabe vom 15. Oktober 1909 |
"Die Evangelische Gemeinde Spittal a. d. Drau
Spittal ist in diesem einen Jahre bekannter geworden als in vielen Jahrzehnten. Anfang Juli fand hier die Eröffnung der Tauernbahn statt. Dadurch liegt nun Spittal am Weltverkehr. Das Stiefkind der Alpenländer, Kärnten wird wohl damit aus seinem Dornröschenschlaf für immer geweckt sein. Steiermark, Salburg, Tirol sind bekannt. Von Kärnten hat man bisher wenig gehört. Es liegt das bestimmt daran, daß Kärnten zwischen den beiden großen Verkehrslinien Wien-Semmering-Graz-Triest einerseits und München-Brenner-Mailand andererseits liegt, und die Verbindungslinie Marburg-Franzensfeste nicht sehr viel bedeutet. Und doch verlohnt es sich sehr, die Naturschönheiten Kärntens sich anzuschauen; ob es dem Alpenwanderer wohl immer zum Bewusstsein kommt, ... daß Kärnten dem heiligen römischen Reiche deutscher Nation einen Kaiser gegeben hat, Arnulf, der allerdings nichts für sein Land hat erringen können weil er in der Nordwestmark des Reiches gegenüber die Normannen für des Reiches Bestand kämpfte? - Nun, jetzt wirds leichter sein nach Kärnten zu kommen. Für den "Wartburg"-Leser wird etwas noch besondere Anziehungskraft haben. Kärnten ist dasjenige von den Alpenländern, das noch die meisten alt-evangelischen Gemeinden aufzuweisen hat. Im Anfang der Zwanziger Jahre des sechzehnten Jahrhunderts brachten sächsische Bergleute das reine Evangelium ins Land Die Reformation fand eine freudige Aufnahme, wie ein schöner Frühling kam sie ins Land. Die Gegenreformation wirkte wie ein alles austrocknender Südwind...
Spittal soll ein neuer Mittelpunkt werden, ein Sammelpunkt für die Evangelischen im oberen Drautal. Die Gemeinde erstreckt sich bis zur Tiroler Grenze. Außer in Spittal sind in Möllbrücken und Greifenburg noch Gottesdienste eingerichtet. Ebenso sind oberhalb von Spittal gegen Tirol drei Unterrichtsstellen. Vielleicht ist in der Hinsicht auch etwas vom Mölltal zu erwarten, wie auch während des Eisenbahnbaues in Mallnitz, der Haltestelle vor dem Tunnel auf der Südseite einige Gottesdienste gefeiert wurden. - Das ganze Gemeindeleben krankte bisher daran, daß die Gemeinde bisher kein Heim hatte, weder für sich im Ganzen für ihre Gottesdienste, noch für den in ihren Dienst berufenen Vikar. Durch Unterstützung aus dem Deutschen Reiche, besonders Württemberg, aus der Schweiz, durch die Nachbargemeinden und durch die Opferwilligkeit der eigenen Glieder steht die Gemeinde kurz vor Abschluß der Aufgabe, sich ein Heim zu schaffen, wenn sie sich auch für ihre Verhältnisse große Schuldenlast von 20.000 Kronen auferlegen muß. Den Herren C. M. Kattner und G. Knell, Architekten in Wien ist es gelungen der Gemeinde einen Plan zu entwerfen, der zunächst überaus zweckdienstlich gestaltet ist, der sich aber auch in sehr glücklicher Weise dem Gesamtbild Spittals eingliedert.
Spittal liegt beim Einfluß der Lieser in die Drau, ein Marktflecken von etwa 3.000 Einwohnern. Der Ort vergrößert sich dem Bahnhof zu nach Westen. In diesem Teil liegt auch der Neubau an einer Straßenkreuzung, und zwar so, daß der Kirchturm genau in der Axe der einen Straße liegt, die vom Bahnhof in den Ort führt, (Stirnstück einer T-Kreuzung), sichtbar und doch ruhig. Links vom Turm erhebt sich der steile Kirchengiebel, rechts, etwas mehr zurückgerückt das Pfarrhaus, überaus traulich. Die Kirche fasst zu ebener Erde 200 Plätze, auf zwei Einbauten 70 Plätze. Hinter dem Turm liegt ein Gemeindezimmer, das zur Vergrößerung des Kirchenraumes dienen kann mit 60-70 Plätzen. Die Sakristei, zugleich Amts- und Arbeitszimmer bildet die Verbindung zwischen der Kirche und dem Pfarrhaus, in dem unten 2 Zimmer und Küche, oben 3 Zimmer, Bad und Kammern sind.
Die äußeren Formen des gesamten Baues sind ganz einfach gehalten. Das ganze soll durch reichliche Verwendung von Blumenschmuck belebt werden. Die Anlage macht einen freundlichen, echt ländlichen Eindruck. Die Orgel wird wohl noch längere Zeit fehlen. Uhr und Glocken sind bereits geschenkt. - Die Gemeinde umfaßt rund 500 Seelen, davon 300 in Spittal. Die Mitglieder sind meist Arbeiter und Dienstboten. Die sogenannten Oberen Zehntausend sind spärlich vertreten. Durch die Fabriken werden Glaubensgenossen aus dem evangelischen Hinterlande angelockt, wie sich ja heute allerorts der Zug in die Stadt bemerkbar macht. 1890 waren die ersten Gottesdienste, 1901 wurde ein Vikar bestellt, 1904 wurde die Filial-Gemeinde gegründet, 1907 wurden einige Teile der Nachbargemeinden in die Filiale umgepfarrt und eigene Matrikeln eingerichtet. Die Gemeinde ist hauptsächlich durch Zuzug alt-evangelischer Glaubensgenosse gewachsen, doch sind auch einige Übertritte erfolgt.
Nachdem nun 10 Jahre die Gottesdienste in sechs verschiedenen Räumen waren, Gasthaus, Schießhalle, Turnhalle, wird die Gemeinde nun in der zweiten Hälfte Oktober (17. oder 24.) ihren ersten Gottesdienst in der neuerbauten Kirche feiern können.
Der Bau war, wenn auch die Mittel noch nicht ganz vorhanden waren, unbedingt nötig, um überhaupt die Gemeinde zusammen zu halten, um das Gemeindeleben zu stärken, vor allen Dingen aber, um für die Evangelischen im oberen Drautal auch einen sichtbaren Mittelpunkt zu schaffen. Durch die Kirche allein war das nicht möglich. Darum hat sich die Gemeinde die bekannteren neueren Gedanken des Gruppenbaues zu Nutze gemacht und gleich danach den Bauplan erbeten, der ihr aller Voraussicht nach geben wird, was sie braucht, eine Art Gemeindehaus, das sich aber doch der gewohnten Form der Kirche noch anschließt. Der gesteigerte Verkehr durch die neue Bahn muß eine gewisse Bevölkerungsverschiebung hervorrufen. Die muß auch der Gemeinde in Spittal zugute kommen. J. Schacht." |