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Begeisterte Reaktion |
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In einem am 1. Dezember 1918
erschienen Artikel in der "Ev. Kirchen-Zeitung" Nr. 23/ 1. Dezember 1918,
schreibt Hugo Folwartschny, Pfarrer und ehemaliger
Kirchenrat von Österreichisch-Schlesien voller Begeisterung: |
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Das nicht zu besiegende
"Deutsche" Volk |
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"Siehe ich mache alles
neu!" (Zur Begründung Deutsch-Österreichs)
"Gott zum Gruß, werte Bürger
der Republik Deutsch-Österreich! Ja, er ist er ist erstanden, er ist
begründet, er steht da: Der Freistaat Deutschösterreich! Was sind das für
denkwürdige Tage, die wir erleben, und niemand kann sich dem tiefen
Eindruck derselben verschließen ... wer rühmt genug die Weisheit aller
trefflichen Führer, die von Sieg zu Sieg eilten und die Zuversicht
weckten, daß das Deutsche Volk nicht zu besiegen sei ... aber gewisse
bedenkliche Erscheinungen und Kundgebungen im Hinterland stärkten die
Siegeshoffnung der Feinde ... als das Eingreifen des Feindes jenseits des
Meeres eine furchtbare Übermacht herbeiführte, und als bei uns die
Ernährungslage immer trostloser wurde, da begann ... der Feind die Welt
neu zu ordnen ... |
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Monarchie zu Grabe getragen |
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... Was im vorhinein die
Absicht des Feindes war, unsere Monarchie zu zerstören, das wurde nun -
zumal die slawischen Völker schon selber darauf hin gesteuert hatten -
Wirklichkeit ... die k. k. Monarchie Österreich wurde zu Grabe getragen ...
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Nächstenliebe - einmal
anders gedeutet |
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... In der Luft wahrer
Freiheit, geleitet von Männern des Vertrauens, die Blut sein mögen von
unserem Blut und Geist von unserem Geist, wollen wir nach eigenen Gesetzen
uns entwickeln und keine wichtigere Rücksicht nehmen als die auf unser
deutsches Volk; denn Du sollst Deinen Nächsten lieben ... wer ist Dein
Nächster, wenn nicht Dein Volksgenosse... |
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Ein frommer Wunsch |
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... Der Herr sei mit Dir,
Deutschösterreich, er sei mit uns allen, die wir sein und bleiben wollen
ein freies deutschchristliches Volk". |
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Relativierende Reaktionen |
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Diese begeisterten
Worte werden bald von etlichen evang. Stellen relativiert. Man war
offenbar sehr verunsichert, wie es nun mit der evang. Kirche
weitergehen sollte, da durch die Abtrennung vieler
ehemaliger Kronländer zu einer drastischen Verringerung
der Gläubigenzahl im "Reststaat Österreich" kam. Durch den
Wegfall von Tschechien, Ungarn, der Slowakei, Siebenbürgen und Galizien
schrumpfte die Kirche in erheblichem Ausmaß. Fünf von sieben Superintendenzen
waren übrig geblieben, die Zahl der Gläubigen auf ca. 170.000 geschrumpft |
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Durch Gebietsverluste große
Schrumpfung der Mitgliederzahlen |
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Besonders die Reformierte
Kirche hatte unter diesem Schrumpfungsprozess zu leiden und man dachte
schon daran, die Kirche aufzulösen. Immerhin lebten jetzt 95% der
reformieren Gläubigen im Ausland. Dagegen kam jedoch massiver Widerstand
interessanterweise aus dem fernen Vorarlberg. Die Gemeinden dort bestanden
nachdrücklich darauf, dass die Kirche weiter existiere. |
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Warnung vor übereilten
Katastrophenreaktionen |
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Diese Situation nötigt
Superintendent D. Karl Lichtenstettiner aus Schladming
am 24. Januar 1919 zu einem Hirtenbrief, in dem er vor übereilten
Schlüssen warnt. Er kritisiert die irrige Meinung, "dass nun
auch innerhalb der evang. Kirche im deutschösterreichischen Staate
die Bande der bisherigen Zusammengehörigkeit gerissen seien" und
bittet alle Gemeinden seiner Diözese, sich durch derartige Befürchtungen
nicht verwirren zu lassen, sondern die wirklichen Verhältnisse
im Auge zu behalten. |
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Evang. Kirch ist nicht mit
der Monarchie untergegangen |
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Keineswegs sei mit dem Zerfall des
Kaiserreiches auch die evangelische Kirche Deutschösterreichs
zerfallen und müsse daher jetzt auch nicht von Grund auf neu aufgebaut
werden. Er bittet um Geduld auch für den Oberkirchenrat, der einige Zeit
benötige, um auf die neue Situation zu reagieren. Man müsse mit Geduld
abwarten, was die berufenen Organe tun werden. |
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Eine andere Sichtweise aus
Graz |
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Darauf erfolgt am 13.
Februar 1919 eine scharfe Reaktion von Pfr. Friedrich Ulrich
aus Graz in Form eines "Offenen Briefes". Dieser kritisiert darin, man
habe 2 Monate lang gewartet, und nichts sei geschehen, es sei höchste
Zeit, dass klärende Worte des Oberkirchenrates erfolgten. |
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"Schlafen denn die Wächter?" |
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In die selbe Kerbe schlägt
Pfr. Dr. Theodor Zöckler, ebenfalls aus Graz, der in seinem
Gemeindeblatt bemängelt, "dass sich der Oberkirchenrat nicht
schon längst zu kraftvollen eigenen Taten aufraffen konnte". Das
Landeskirchentum der Monarchie mit ihrer staatlichen Aufsicht war eine
Fessel und Knechtschaft für die Kirche, der man sicher keine Träne
nachweine. "Warum ist die Generalsynode noch nicht zusammengetreten?
Das Haus brennt an allen Ecken und Enden ... schlafen denn die Wächter?" |
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Kritik an Vorgehen, mittels
"Offenem Brief" den Oberhirten
anzugreifen |
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In seiner Antwort kritisiert
SI Lichtenstettiner zunächst, es sei bisher nicht üblich
gewesen, dass ein Pfarrer ein Hirtenschreiben seines
Superintendenten mittels eines "Offenen Briefes" beantworte und
mahnt die gebotene Achtung gegenüber dem eigenen
Oberhirten ein. Er müsse sehr wünschen, dass so ein Vorgehen
auch in Zeiten des Umbruchs keine Nachahmer finden werde. Er
sehe sich aber leider genötigt, auf die selbe Weise mittels eines "Offenen
Briefes" zu antworten: |
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Sämtliche Regelungen in
Kraft |
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Er verweist zunächst auf
zahlreiche ergangene Mitteilungen des
Oberkirchenrates an die Pfarrämter, aus denen ersichtlich sei, welche
Fragen diskutiert werden und welche Entwicklung der Oberkirchenrat und die
evang. Kirche durchmache. Er verweist darauf, dass sämtliche
Regelungen des Protestantenpatentes Kaiser Franz Josephs I. und dessen
Durchführungsbestimmungen weiterhin in Kraft seien. |
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Gedanken zum Neuaufbau einer
deutschen evang. Volkskirche |
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In einer Mitteilung des
deutsch-österreichischen Kirchentages an die evang. Pfarrgemeinden in
Österreich berichtet man von Überlegungen zum Neuaufbau einer deutschen
evang. Volkskirche. Es folgen Grußworte an die Gläubigen in den
abgetrennten Gebieten sowie an die neu zu Österreich hinzugekommenen
Gebiete Westungarns. |
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Liebesgaben werden verteilt |
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Am 27. November 1920 ergeht
durch den Evang. Oberkirchenrat A. und H. B. ein Erlass, der
die Verteilung von Liebesgaben regeln soll. Die schönste und
trostreichste Erfahrung dieser schweren Jahre war wohl, dass nicht nur
Glaubensgenossen aus Ländern, die nicht in
diesen Krieg involviert waren - (und auch aus den USA)
-
sondern auch aus dem Deutschen Reich trotz eigener
bitterster Not den österreichischen Glaubensgeschwistern in
liebevoller Hilfsbereitschaft zur Seite standen. |
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Berichte der Pfarrgemeinden |
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Die Pfarrämter werden
ersucht, unter kurzer Charakterisierung der besonderen Situation der
Bedürftigen, innerhalb von 8 Tagen einen Bericht abzuliefern, damit noch
vor Weihnachten eine Beteilung erfolgen könne. Weiters
ersucht man um Bekanntgabe, ob diese Zuteilung über den
Oberkirchenrat oder über das Pfarramt erfolgen
solle. |
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Auch von anderen Ländern
kommt Hilfe |
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Ähnliche Erlässe ergehen
auch über die Verteilung von Liebesgaben an Bedürftige, die aus den USA
und Schweden eintreffen |
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Neue Mitglieder durch
Gebietsgewinne |
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1921 bessert
sich die Lage der Evang. Kirche A. und H. B. bezüglich ihrer
Mitgliederzahlen etwas, als Burgenland zu Österreich
kommt. Fast 40.000 Protestanten, in der Mehrzahl
Lutheraner, kommen zur evang. Kirche Österreichs. |
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Nach wie vor Benachteiligung
von Evangelischen |
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Was sich nicht änderte, war
nach wie vor die Benachteiligung der evang, Kirche. Mit dem Ende der
Monarchie war das Recht der Oberaufsicht durch den
Landesherrn (Summepiscopus) auf die jeweilige
Regierung übergegangen. Bisher war man gewohnt, den Kaiser
als
Schutz- und Schirmherrn anzusehen. Der Regierung stand man etwas verwirrt
gegenüber, wechselten doch die Regierungen ständig und man wusste nicht
immer, an welche Beamten welcher Behörde man sich bei Problemen zu wenden
hatte. |
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"Genügt" |
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Die Ungleichbehandlung von
evang. Amtsträgern gegenüber den katholischen Kollegen wurde am Beispiel
des neu gewählten Superintendenten für das Burgenland besonders deutlich.
Der Landeshauptmann entsandte als Abgeordneten den
Oberwarter Bezirkshauptmann mit dem handschriftlichen Vermerk
"genügt!" auf dem Mappenumschlag des Aktes. |
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Staatswagen für Kardinal
Piffl |
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Als dagegen einmal
von katholischer Seite der Apostolische Administrator Kardinal Piffl
das Land besuchte, war alles vertreten, was im politischen Leben Rang
und Namen hatte. Außerdem stellte man ihm einen Staatswagen zur
Verfügung... Diese Details wurden von Protestanten und Presse sehr wohl
registriert... |
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Nachforschungen über Leumund
durch Kriminalpolizei und Gendarmerie |
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Auch mussten die
gewählten Superintendenten von der Regierung erst bestätigt
werden. Einige Regierungen gingen bei der Beurteilung von
Superintendenten nicht gerade rücksichtsvoll vor.
So konnte
es passieren, dass sich Gendarmerie-, Polizei- oder Kriminalbeamte bei Nachbarn und
Geschäftsleuten über den Leumund eines Superintendenten erkundigten (so
geschehen z. B. 1932 in Villach, als Dr. Johannes Heinzelmann
als Superintendent der Diözese Wien bestätigt werden sollte).
Dazu
erscheint ein erstaunter Artikel eines Redakteurs in der
"Villacher Zeitung", der über diese
Vorgangsweise betroffen ist und anmerkt "Wenn man solches einem
katholischen Würdenträger zumuten würde, wie sehr würde das
berechtigte Erregung und Vorwürfe auslösen!" |
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Ungleiche Behandlung wird
registriert |
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Wen wundert es, wenn solche
Ungleichheiten auf evangelischer Seite sehr wohl registriert und
als Zurücksetzung, ja als beleidigend empfunden wurden. |
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