Die Geschichte der Evang. Kirche in Ständestaat  3

 

 

Rundfunkrede als Antwort

 

Der Bundeskommissär für Heimatdienst, Oberst a. D. Walter Adam, antwortet auf diesen Artikel in einer Rundfunkansprache u. a.:

 

 

 

 

 

Weniger Bevormundung

als bei Katholiken?

 

"Die Bevormundung der evang. Kirche durch den Staat ist in mancher Hinsicht viel geringer als sie etwa in der kath. Kirche seinerzeit durch das berühmte Maigesetz von 1874 vor Abschluss des Konkordats war ... Es ist nachgewiesen, dass durch das Protestantenpatent ... ein Maß an Freiheit geschaffen wurde wie in keinem anderen deutschen Land. In finanzieller Hinsicht wird die evang. Kirche in Österreich entsprechend ihrer Stärke vom Staat pauschal unterstützt!"

 

 

 

 

 

"Unterstützung für Aufrührer" behauptet

 

Zu den Anschuldigungen gegen evang. Geistliche meint er: "Es ist richtig, und ich füge gleich hinzu, es ist sehr bedauerlich, dass einige protestantische Geistliche mit den Aufrühren offenkundig sympathisierten und in einigen Fällen Unterstützung angedeihen ließen. Ich will mich aber nicht auf allgemeine Anschuldigungen einlassen, sondern Ihnen die Fälle mitteilen, um die es sich hier handelt .... damit werden die von reichsdeutscher evangelischer Seite gegen die österreichischen Behörden erhobenen Beschuldigungen sozusagen aktenmäßig zurück gewiesen, andererseits aber auch übertriebene Behauptungen über die Teilnahme evangelischer Geistlicher an dem Putsch auf das rechte Maß zurückgeführt."

 

 

 

 

 

Auflistung der Vorfälle

 

Danach listet er penibel die angesprochenen Fälle auf und stellt sie aus seiner Sicht dar:

"Der evang. Pfarrer von Bad Aussee hat einen bekannten Nationalsozialisten auf seinem Motorrad nach Bad Aussee geführt. Dieser Nationalsozialist habe dann in Bad Aussee Waffen verteilt. Der Pfarrer, der fast ausschließlich mit Nationalsozialisten verkehrt, wurde dann am 25. Juli nachmittags in Mitterndorf mit dem politischen Führer der dortigen Nationalsozialisten und dem SA-Führer des Ortes angetroffen. Er wurde in Haft genommen, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Ich füge noch bei, dass der Pfarrer M. ein Schweizer Staatsbürger ist und daher nicht die geringste Legitimation besitzt, in Österreich Politik zu machen."

"Der evang. Pfarrer von Gnesau in Kärnten wurde beschuldigt, die Mitglieder seiner Kirchengemeinde zur Teilnahme an dem Putsche aufgefordert zu haben. Die Beschuldigung war ungerechtfertigt, der Pfarrer nach einigen Tagen auf freien Fuß gesetzt."

"Der evang. Pfarrer in Tresdorf in Kärnten stand im Verdachte, an dem Aufstand beteiligt gewesen zu sein, weil er am 26. Juli mit einem umgehängten Jagdgewehr auf der Straße gesehen wurde. Der Pfarrer konnte sich damit verantworten, dass er an diesem Tage sein Gewehr bei einem bekannten Forstmann einschießen wollte. Das Verfahren wurde eingestellt.

Einige Tage später wurden eingeschmuggelte Postsendungen der [nach dem missglückten Putsch] nach Jugoslawien geflüchteten Nationalsozialisten beschlagnahmt. In einem dieser Briefe war die Mitteilung enthalten, man möge die Post für die nationalsozialistischen Flüchtlinge an das evang. Pfarrhaus in Tresdorf senden, von wo die Weiterbeförderung erfolgen werde. Dieser Fall ist noch ungeklärt."

"Der evang. Pfarrer in Stainz (Stmk.) hatte als Messner den Bezirksgruppenleiter der nationalsozialistischen Partei in Stainz angestellt. Bei Ausbruch des Aufstandes gab er den Auftrag, die Kirchenglocken zu läuten und eine Hakenkreuzfahne an der Kirche zu hissen. Der Pfarrer befindet sich in Untersuchungshaft".

"Der evang. Pfarrer in Innsbruck, Dr. Mahnert, befindet sich unter dem Verdachte des Hochverrates in Haft. Im Zuge der Untersuchung über die Ermordung des Polizeistabshauptmannes Hickl wurde nämlich festgestellt, dass der Anstifter dieses Mordes, Ing. Fritz Lantschner, am 25. Juli mit dem Nationalsozialisten Neuner eine wichtige Besprechung hatte. Neuner fuhr sodann im Auftrage Lantschners zu Dr. Mahnert, um diesen von dem angeblichen Rücktritt der Regierung zu verständigen. Diese Verständigung sei erfolgt, damit der Pfarrer dieses Ereignis bei der Abendpredigt zur Sprache bringen könne."

"Der evang. Pfarrer von Wolfsberg in Kärnten stand unter dem Verdachte, nach den Aufruhrtagen für die Nationalsozialisten Nachrichtendienst geleistet zu haben. Ein Nachweis dieser Beschuldigung wurde nicht erbracht."

"In Oberschützen im Burgenland wurde festgestellt, dass im Hause des dortigen evangelischen  Superintendenten, eines bekannten Nationalsozialisten, ein reger Verkehr nationalsozialistischer Parteigänger stattgefunden habe. Der Superintendent wurde nun verhalten, sich täglich beim Gendarmerieposten zu melden; von schärferen Maßnahmen wurde mit Rücksicht auf seine hohe kirchliche Stellung abgesehen."

"In Neuhaus im Burgenland hielt der geistliche Adjutor Ernst Rothacker eine Predigt, in der er bei aller Vorsicht seine Sympathie für die 22 verurteilten Aufständischen zum Ausdruck brachten. Rothacker wurde angewiesen, binnen 10 Tagen das Bundesgebiet zu verlassen."

"Der evang. Pfarrer in Thening in OÖ, ein überzeugter Nationalsozialist, hat nach dem Verbot der nationalsozialistischen Partei nationalsozialistische Zeitungsaufsätze verfasst."

"In Itzling und in Anif bei Salzburg musste die Abhaltung evangelischer Bibelstunden untersagt werden, da diese Zusammenkünfte demonstrativen Charakter trugen und geeignet waren, die Ruhe zu stören."

"Diese Fälle sind mir amtlich bekannt geworden, nicht mehr und nicht weniger!"

 

 

 

 

 

Die Richtigstellung des Superintendenten aus seiner Sicht

 

SI Heinzelmann stellt die geschilderten Vorfälle in einem Schreiben an die Pfarrgemeinden aus seiner Sicht richtig:

Der Pfarrer in Bad Aussee wurde des Einvernehmens mit nationalsozialistischen Führern beschuldigt. Nach sechswöchiger Untersuchungshaft wurde er freigelassen. Er sei nicht nur in Besitz der schweizerischen, sondern auch der österreichischen Staatsbürgerschaft. Ohne dieser könne er kein Pfarramt in Österreich bekleiden. Er habe aber nie Politik gemacht, sondern sei ausschließlich Seelsorger.

Die Beschuldigung gegen den Pfarrer von Gnesau habe sich als haltlos herausgestellt. Er sei aber nicht "nach einigen Tagen", sondern erst nach 6wöchiger Untersuchungshaft auf freien Fuß gesetzt worden.

Der Pfarrer von Tresdorf wurde mit umgehängtem Jagdgewehr auf der Straße gesehen. Auch er sei erst nach wochenlanger Haft wieder entlassen worden. Mit der Weiterbeförderung nationalsozialistischer Post hatte er nicht das mindeste zu schaffen.

Der Pfarrer in Stainz (übrigens kein Pfarrer, sondern ein zu geistlichen Hilfsdiensten zugelassener reichsdeutscher Kandidat) habe überhaupt keinen Mesner angestellt, dazu sei er gar nicht befugt gewesen, und hat weder die Glocken läuten oder eine Hakenkreuzfahne an der Kirche befestigen lassen. Das Amt des Kirchendieners in Stainz versieht seit 36 Jahren ein politisch völlig unverdächtiger Mann, der also lange Zeit vor dem Stainzer Hilfsgeistlichen in der Pfarrgemeinde tätig war. Diese Sachlage berichtete er mir aus dem Anhaltelager Wöllersdorf.

Der Innsbrucker Pfarrer Dr. Ludwig Mahnert befand sich wegen Verdachtes des Hochverrates sechs Wochen in Untersuchungshaft und wurde ungeheurlicherweise sogar mit einem politischen Mord in Verbindung gebracht. Alle Beschuldigungen hätten sich mittlerweile als völlig haltlos herausgestellt.

Betreffs des Pfarrers in Wolfsberg, der einige Tage Hausarrest hatte, wird ohnehin offiziell zugestanden, dass für die erhobenen Beschuldigungen kein Nachweis erfolgt ist.

Superintendent Beyer aus dem Burgenland musste sich täglich bei der Gendarmerie melden. SI Heinzelmann fragt sich, ob man einen röm.-kath. Bischof oder einen anderen hohen Würdenträger wohl in gleicher Weise so demütigend behandelt hätte.

Der Vorwurf gegen den reichsdeutschen Kandidaten Rothacker, er habe in einer Predigt seine "Sympathie" für die 22 verurteilten burgenländischen Putschisten geäußert, ist falsch. Er hat nach der Predigt lediglich eine kurze Fürbitte gehalten, in der er der Verurteilten gedachte. Das sei vom politischen Standpunkt unanfechtbar. Trotzdem habe er das Land verlassen müssen.

Dem evang. Pfarrer von Thening (OÖ) wird vorgeworfen, er sei überzeugter Nationalsozialist und habe nach dem Verbot der NSDAP nationalsozialistische Aufsätze verfasst. Wir wüssten nicht, dass er sich öffentlich zur NSDAP bekannt hätte. Seine publizistische Tätigkeit hat sich lediglich auf evangelisch-kirchlichem Gebiet bewegt.

Die Begründung zum Verbot von Bibelrunden in  Itzling und Anif entspricht nicht den Tatsachen. Viele Teilnehmer an den Runden zeigten sich über diese Äußerung empört und berichten, dass die Treffen ausschließlich religiöser Natur waren. Der wirkliche Grund ist, dass die Gründung evangelischer Predigtstationen in Itzling und Anif unerwünscht ist und verhindert werden soll. Es ist aber verfassungsrechtlich zugesichert, dass es ausschließlich Sache der Kirche ist, Predigtstationen zu gründen oder aufzulassen.

Für keinen der bezeichneten Amtsträger ist der Nachweis erbracht worden, dass sie mit den Aufrührern sympathisieren. Er vermutet zwar, dass die große Mehrzahl "seiner" Pfarrer eine deutsche Gesinnung hat, unbeschadet ihrer Treue gegen Österreich. Das hat wohl  manche von ihnen bei den Behörden in falschen Verdacht gebracht.

 

 

 

 

 

Nicht überall erntet Heinzelmann Zustimmung

 

Der "Ring evangelischer Heimatschützer OÖ.", eine der VF (Vaterländische Front) nahe stehende Vereinigung, ist mit dieser Darstellung Heinzelmanns nicht einverstanden und erinnert an mehrere Vorfälle in der evang. Kirche. So "mussten Heimatschützer nach der Juli-Revolte einem ihm wohl bekannten evang. Pfarrer die Hitlerbilder von den Wänden entfernen".

Auch die unter Vorzensur stehenden Gemeindeblätter, das "Evangelische Vereinsblatt Gallneukirchen" und "Der Protestant" (Thening) seien  - letzteres sogar wegen staatsfeindlicher Propaganda - beschlagnahmt worden.

In Linz seien 30 von Hundert der Gemeindevertreter und Presbyter nationalsozialistische Parteimitglieder und zum Teil auch noch dieses Jahr wegen NS-Propaganda und Betätigung in Polizeigewahrsam. Amtsträger also, die bis heute mit dem Nationalsozialismus sympathisieren.

Man protestiere daher gegen dieses Rundschreiben und nimmt Unkenntnis der Sachlage als Entschuldigung an.

 

 

 

 

 

Beitritt oder nicht?

 

Vom Jahr 1934 an geht ein reger Schriftwechsel zwischen Superintendent Heinzelmann und dem Generalsekretär der Vaterländischen Front, Oberst a. D. Adam hin und her. Das Thema ist immer wieder der gewünschte geschlossene Eintritt der Pfarrerschaft in die "Vaterländische Front" und die Bedenken Heinzelmanns dagegen. 1937 schließt er sich schließlich den "dringenden Empfehlungen" von Oberkirchenrat und politischen Instanzen zum Beitritt an, er selbst hat diesen Beitritt aber aus Gewissensgründen aber nicht vollzogen.

 

 

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