|
Keine Massenbewegung |
|
Entgegen den
Bestrebungen von Dollfuß wurde die "Vaterländische Front" jedoch keine
Massenbewegung. Sie zählte zwar Ende
1937 immerhin drei
Millionen Mitglieder (bei 6,5 Mio. Einwohnern), doch waren nur die
wenigsten davon echte Anhänger des Systems; die politischen Gegner (aus
den Kreisen der Sozialdemokraten, den Kommunisten und der NSDAP) konnte der
Ständestaat nicht
für sich gewinnen.
Bundesführer waren Engelbert Dollfuß (bis
25. 7.
1934),
Fürst
Ernst Rüdiger von Starhemberg (19. August
1934 bis
14. März
1936) und
Kurt Schuschnigg (14.
März
1936 bis
11. März
1938). |
|
|
|
|
|
|
|
Umstrittene
Symbole des Staates |
|
Symbol der
Vaterländischen Front war das Kruckenkreuz, für
Schüler das Abzeichen "Seid einig"; der Gruß der
Vaterländischen Front war "Front heil!". Alle
öffentlich Bediensteten waren zur Mitgliedschaft
verpflichtet. |
|
|
|
|
|
|
|
Anonymes Schreiben "Die
Beauftragten" |
|
Ein anonymes
Schreiben vom 29. Januar 1934 an den Oberkirchenrat, dessen
Absender sich "Die Beauftragen" nannten, weist darauf hin,
dass die "verfassungsbrecherische Regierung Dollfuß eine
Verordnung herausgebracht hat, welche den Bestand der evang. Schulen und
die Existenz evang. Lehrer gefährde. Es sei dieser Erlass, der alle
Lehrer bei Androhung der Entlassung zwinge, in die VF
("Vaterländische Front") eínzutreten und die Schulkinder zum
Tragen des Volksverräter-Abzeichens verhalte!"
Weiters liest
man, dass "die Beauftragen den Oberkirchenrat davor warnen,
den bisherigen Weg der Leisetreterei weiter zu beschreiten ... Wir
machen weiters darauf aufmerksam, dass alle seine [des OKR] Erwägungen und
Maßnahmen das Objekt genauester Beobachtung seitens der
zuständigen Stellen seien und in einer nicht fernen Zukunft ihre
entsprechende Be- bzw. Verurteilung finden werden!" |
|
|
|
|
|
|
|
Unterzeichnung des
Konkordats |
|
Engelbert Dollfuß schafft mit der
Maiverfassung 1934 einen autoritären Ständestaat
und stützt sich vor
allem auf die "Heimwehr", die katholische Kirche und die Bauern. 1934
schließt er mit dem "Heiligen Stuhl" ein Konkordat und räumte durch die
"Römischen
Protokolle" mit Italien und Ungarn Mussolini bedeutenden Einfluss auf die
österreichische Innen- und Außenpolitik ein.
|
|
|
|
|
|
|
|
Dollfuß ermordet |
|
Am 25. Juli 1934
wird Engelbert Dollfuß bei einem Putschversuch
österreichischer Nationalsozialisten im Bundeskanzleramt erschossen. Nachdem
1933 die NSDAP verboten wurde und es zu zahlreichen Terrorakten
von illegalen Nationalsozialisten gekommen war, war es
bereits im Oktober 1933 zu einem Attentatsversuch auf ihn
gekommen (siehe zum geschichtlichen Rahmen die
Zeittafeln 1, 1a
und 2) |
|
|
|
|
|
|
|
Schärfere Überwachung der
Pfarrer |
|
Dieser Putsch
führt zur weiteren Verschärfung der Überwachung von Pfarrern.
(Im
Naziregime nimmt diese noch weiter zu). Vermutlich dadurch geschah es nur selten, dass
Amtsträger der Kirche ihre Erlebnisse, Erfahrungen, und Meinungen
in dieser Zeit schriftlich niedergelegt haben... die Beweggründe scheinen auf der Hand zu liegen. Man beschränkte sich auf das unbedingt Notwendige und Amtliche. Dies wurde offiziell mit dem eklatanten Papiermangel
dieser Zeit erklärt, möglicherweise ein weiterer Grund für die
schriftliche Zurückhaltung. |
|
|
|
|
|
|
|
Spärliche Berichte |
|
Sehr spärlich in dieser Zeit
sind auch die Berichte, was das eigentliche Gemeindeleben
betrifft.
Viele Aktivitäten und Ereignisse in Pfarrgemeinden
werden in den meisten Jahresberichten von Pfarrgemeinden nicht
einmal angedeutet. Es scheint beinahe so, als ob das, was
eigentlich eine Pfarrgemeinde ausmacht, als so selbstverständlich
hingenommen wird, dass es nicht einmal einer Erwähnung wert erscheint.
Oder wollte man sich auf
diese Weise vor allzu großer staatlicher Neugier abschotten? |
|
|
|
|
|
|
|
Rückzug ins Private |
|
In totalitären Regimes ist
immer wieder zu beobachten, dass eine Hinwendung in den
privaten und
familiären Bereich erfolgt, wenn der politische Druck von außen
zu
stark wird. So kommt es in dieser Zeit auch in der evangelischen Kirche zum
Rückzug in einen möglichst kleinen Kreis von Vertrauten. Ein Klima
allgemeinen Misstrauens durch Spitzel- und Informantentum wird durch
solche Regimes ja bewusst gefördert.
|
|
|
|
|
|
|
|
Dollfuß und seine "Auffassung"
von Politik |
|
"Wie ich die Menschen von der
Straße wegbekomme? Entweder ich ziehe Großveranstaltungen auf, oder ich
überwache sie, und sie sollen merken, dass sie unter Beobachtung stehen!"
(E. Dollfuss im Nationalrat am 3. Oktober 1933). |
|
|
|
|
|
|
|
Rundschreiben |
|
In einem Rundschreiben vom
29. Januar 1934 wendet sich SI Heinzelmann zusammen mit einigen
Lehrern an evang. Schulen, Pfarrern und Religionslehrern an die Gemeinden.
Es seien mehrfach Bitten um Beratung - bezüglich des
Verhaltens dem "Gesetz zur vaterländischen Erziehung und Beitritt
zur VF der Jugend" gegenüber - an sie herangetragen worden.
Heinzelmann zeigt Verständnis für den Gewissenskonflikt
einiger Amtsträger und verspricht jede nur denkbare Unterstützung,
falls diese jenes Gesetz nicht mittragen könnten.
Er bittet
aber auch um Verständnis für die Lehrer, deren Sorge um ihre Existenz
bewirkt hat, sich dem Gesetz zu beugen. Er appelliert an
alle, sich nur vom christlichen Gewissen und nicht von Druck oder Angst
leiten zu lassen. |
|
|
|
|
|
|
|
Eine Eingabe an das
Unterrichtsministerium |
|
In einer Eingabe an das
Unterrichtsministerium betont er am 18. Februar 1935, dass "wir die ganze Frage
nicht nur als bewusste Österreicher betrachten können, sondern auch als Diener der Kirche
... und daher nicht geschlossen beitreten können, weisen aber entschieden die Auslegung ab,
dass uns deshalb ´vaterländische Erziehung´ nicht eine
´Herzenssache´
sei." Er verweist dabei auf den geleisteten Diensteid und den unterzeichneten
Revers der geistlichen Amtsführung. |
|
|
|
|
|
|
|
Superintendent
Dr. Hans Eder berichtet |
|
Auf der Senioratsversammlung
für das Oberland fasst Superintendent Dr. Hans Eder (der
spätere Bischof) die Ereignisse der
letzten Zeit zusammen und berichtet über den unglaublichen Fall zweier
Pfarrer in Innsbruck. Diese seien - ohne dass ihnen das geringste
vorgeworfen werden konnte, ihres Dienstes enthoben worden. Dadurch seien
seit einem halben Jahr die Mittelschüler ohne Religionsunterricht. |
|
|
|
|
|
|
|
Vertrauensmann der
Superintendenten |
|
Anfang Juni 1934 wird SI Dr. Johannes Heinzelmann mit der Funktion eines Vertrauensmannes
der Superintendenten betraut |
|
|
|
|
|
|
|
Rundschreiben als
Jahresbilanz |
|
Am 27. Dezember 1934 wendet
sich SI Dr. Heinzelmann an die Pfarrgemeinden "seiner"
Wiener Superintendenz und stellt eingangs fest, dass dieses
vergangene Jahr viele wichtige, aber auch verwirrende
Ereignisse gebracht hätte. Er betont die Schwierigkeit
der evang. Kirche, sich in einem katholisch geprägten Umfeld ihre
Eigenart zu bewahren und sich zu behaupten.
Man sei dem
Staat gegenüber zwar zum Gehorsam verpflichtet, aber
man dürfe auch erwarten, dass die Evangelischen gegenüber ihrer
Glaubensäußerung keinerlei Schmälerung erfahren dürfen. Er
bedauert den politischen Riss zwischen den beiden Nachbarvölkern
Österreich und Deutschland, bekenne sich aber freudig zur Gemeinschaft des
Glaubens zwischen beiden Staaten durch die Glaubensbewegungen
"Deutsche Christen" und "Jungreformatorische Bewegung" |
|
|
|
|
|
|
|
Aufopfernde
Amtsführung |
|
(Ein Detail am Rande, das
zeigt, wie schwierig die Amtsausübung für SI
Heinzelmann war: Er musste neben seiner Pfarrerstelle in Villach
von dort aus die Wiener Superintendentur leiten und war zu
diesem Zweck immer von Montag bis Mittwoch in Wien.
Durch Krankheit
und Todesfälle in seiner Familie war seine finanzielle Lage
mehr als angespannt, sodass er beinahe gezwungen gewesen wäre,
nachts eine Stelle als Buchhalter anzunehmen. Eine Sammel-
und Hilfsaktion seitens seiner Amtsbrüder und den Kuratoren aus den
Gemeinden seiner Kärntner Heimat konnte die größte
Not lindern). |
|
|
|
|
|
|
|
Ruf nach "Anschluss" wird
immer lauter |
|
Der Ruf nach einem
"Anschluss" an das Deutsche Reich wird in breiten Bevölkerungsschichten
immer lauter. Das beunruhigt die Regierung Dollfuß sehr und führte zu
noch stärkerer Überwachung der Pfarrer, da man in ihnen
potentielle
Vorbereiter des "Anschlusses" sieht. |
|
|
|
|
|
|
|
Erlass des Oberkirchenrates |
|
Anlässlich der
Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß
fordert der Präsident des Oberkirchenrates Dr. Viktor Capesius
alle Pfarrgemeinden auf, am nächsten Sonntag im Gebet
des Heimgegangenen zu gedenken. Außerdem ist für Trauerbeflaggung
der Kirchen und der kirchlichen Schulgebäude zu sorgen. |
|
|
|
|
|
|
|
Ein nicht veröffentlichter
Hirtenbrief sorgt für Aufregung |
|
Zu den Ereignissen rund um
die Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß verfasst SI
Dr. Heinzelmann einen Hirtenbrief, der am 2. August 1934 an die
Pfarrgemeinden zur Verlesung gesendet wird. Am
4. August trifft ein
Telegramm Heinzelmanns ein, der die Gemeinden anweist, seinen
Hirtenbrief nicht zu verlesen. |
|
|
|
|
|
|
|
Erklärung der Hintergründe |
|
Mit dem Rundschreiben vom 7.
August erklärt Dr. Heinzelmann diese Situation.
Auf einem
Weg, den den er nicht näher beschreiben kann, gelangte der Hirtenbrief
vorzeitig in die Hände eines maßgebenden Sicherheitsorgans,
welches in dem Schreiben ein "verdächtiges" Schriftstück
erblickte, dessen "Veröffentlichung mit allen Mitteln
verhindert" werden musste.
Heinzelmann vermutet, dass
es besonders die Äußerungen auf S. 2 ganz unten und S. 3 ganz oben sind,
die Missfallen hervorgerufen haben. Er beschreibt vor diesem
"verdächtigen" Passus
die Gründe, die seiner Meinung nach zu dem Attentat geführt haben und ruft
die Regierung zu anderen Wegen als den bisher beschrittenen auf, um
eine Erneuerung Österreichs an Haupt und Gliedern zu
bewirken.
Er schreibt dann wörtlich: |
|
|
|
|
|
|
|
Ein "verdächtiger" Text |
|
"Die Glaubens- und
Gewissensfreiheit schien in den letzten Jahren schwer bedroht. Das
Gesetz ... zur freien Wahl des Religionsbekenntnisses ... schien
ausgeschaltet und die Gleichberechtigung in Frage gestellt
zu sein ... Ohne ersichtlichen oder tatsächlichen Grund fanden Hausdurchsuchungen,
Verhaftungen und Anhaltungen statt. Durch offenen und verborgenen Zwang
wurde die Redlichkeit der Gesinnung und die Festigkeit des
Charakters ...
auf eine harte Probe gestellt. Ist es ein Wunder, wenn ein beträchtlicher
Teil unseres Volkes stürmisch nach Freiheit rief, wenn er ein Joch, das
ihm von Tag zu Tag unerträglicher dünkte, gewaltsam abwerfen wollte?"
An Stelle
dieses Hirtenbriefes reicht er einen von ihm gedichteten
Liedtext auf die Melodie "Großer Gott wir loben dich" zur
Verlesung am 7. August 1934 nach. Der Text nach Psalm 46 ist allerdings so
zahm, dass auch der kritischste Leser keinerlei politischen Bezüge
feststellen kann. |
|
|
|
|
|
|
|
Ein Zeitungsartikel sorgt
für Aufregung |
|
In Deutschland erscheint in der "Deutschen
Evangelischen Korrespondenz", dem Organ des "Evang. Bundes
zur Wahrung protestantischer Interessen" im September
1934 ein Artikel, der schildert, wie die evang. Kirche in Österreich
auf das Schwerste zu leiden habe; evang. Pfarrer seien "übelsten Quälereien" ausgesetzt. Es werden einige Fälle von
Verhaftungen evang. Geistlicher angeführt und weiters angedeutet, die
genannten Fälle seien nur ein geringer Bruchteil dessen, was
sich in evang. Gemeinden täglich ereigne. |
|
|
|
|
|
|
|

Der Wiener
Trabrennplatz, Ort der
legendären
Großkundgebung der VF

Das Ehrenkreuz
in Bronze der
"Vaterländischen Front"

Das Kruckenkreuz in Gold
für hohe Funktionäre,
im Volksmund "Krücken-kreuz" genannt

Die Abzeichenspange
der
"VF" für das
Knopfloch, der "G´wissenswurm"

Abzeichen für Schüler
und Jugendliche, das
"Volksverräterabzeichen"

Der von
nationalsozialistischen
Putschisten ermordete
Bundeskanzler Dollfuß

Superintendent Dr.
Johannes Heinzelmann

Bischof
Dr. Hans Eder

Oberst a. D.
Walter Adam

v. l.: Seipel, Dollfuß,
Schuschnigg, Miklas,
2 Minister, Kardinal Piffl
|