Reformation grundsätzlich - auf den Spuren Luthers

    (eine historische Annäherung)

    Innerreformatorische Konflikte                                             8

 

 

Wittenberg und die "Zwickauer Propheten"

In Wittenberg predigt Karlstadt inzwischen weiter für weitreichende Gottesdienstreformen: So wettert er u. a. gegen die Klöster, Opfergebete, Bilder in Kirchen und tritt für das Abendmahl mit dem Laienkelch ein.

Ab 1522 setzte der Stadtrat die Neuerungen um und beschloss auch Maßnahmen gegen Armut und Unzucht, wie sie Luther in seinen Schriften von 1520 vorgeschlagen hatte.

Doch die Tumulte ebbten nicht ab. Viele Nonnen und Mönche verließen nun die Klöster in Sachsen. Die „Zwickauer Propheten“, die unter dem Visionär Nikolaus Storch*) und dem Lutherschüler Thomas Müntzer gegen die Kindertaufe vorgingen und deshalb aus Zwickau ausgewiesen worden waren, verschärften die Unruhe.

Deren berühmtester Vertreter, Nikolaus Storch

 

*) Nikolaus Storch (* unbekannt; † 1525; Vorname auch Nicolaus) war ein Tuchweber aus dem sächsischen Zwickau. Er gehörte zu den einfachen Handwerkern, die dort im Zeitalter der Reformation eigenständige Kirchen- und Sozialreformen einleiteten.

Er hatte Visionen und sah sich als Prophet Gottes mit dem Auftrag, die korrupte katholische Kirche zu bekämpfen. Er führte eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten, die durch ihre visionären Predigten enormen Zulauf gewannen und die Bürgerschaft Zwickaus spalteten: die "Zwickauer Propheten". Sie befürworteten Gemeineigentum, Armenfürsorge und eine Enteignung der Klöster, notfalls auch Widerstand gegen fürstliche Gewaltmaßnahmen.

Storch lehnte die Kindertaufe ab und näherte sich den Lehren der Täufer (dazu siehe weiter unten).

Er beeinflusste auch Thomas Müntzer stark, der sich 1521 in Zwickau aufhielt und Storch bei seinem Kampf um Reformen gegen den katholischen Priester Egranus unterstützte. Das örtliche Zisterzienserkloster wurde am 16. März 1522 auf sein Drängen aufgelöst.

Daraufhin rief Nikolaus Hausmann, der Reformator Zwickaus und Prediger an der Marienkirche, seinen Freund Martin Luther zu Hilfe; dieser predigte ab Ende April öffentlich vom Rathaus zu einer Versammlung von 14.000 Bürgern aus Stadt und Umland und erreichte einen Meinungsumschwung zu Gunsten maßvollerer Reformen. Die Zwickauer Propheten mussten die Stadt verlassen.

Storch reiste mit Müntzer nach Wittenberg und beeindruckte dort Philipp Melanchthon stark; doch nachdem dieser über den Kurfürsten Luther um Hilfe ersuchte, griff dieser auch hier persönlich ein. So mussten Storch, Müntzer und Karlstadt wiederum die Stadt verlassen. Sie wurden zu reisenden Predigern. Storch ist nach der Niederschlagung der Bauernrevolte in Sachsen (25. Mai 1525, Schlacht bei Frankenhausen) in München in einem Hospital gestorben

 

Luther wieder in Wittenberg

 

Luther kehrt also (übrigens nach einem Hilferuf der Stadtväter Wittenbergs) im März nach Wittenberg zurück. Mit täglichen Predigten überzeugt er die Bürger binnen einer Woche von maßvolleren Reformen. Die Liebe, nicht äußere Dinge seien entscheidend; Bilderbeseitigung sei unnötig, da Bilder nicht schadeten, betont er immer wieder.

Bis auf die Opfergebete als Überleitung zur Kommunion lässt er die römische Messordnung vorläufig unverändert, obwohl sie ihm ein Dorn im Auge ist, und führt deshalb daneben das evangelische Abendmahl ein. Damit kehrt wieder etwas Ruhe ein, aber Karlstadt verlässt später schließlich enttäuscht die Stadt.

     
Klare Absage an jede Form von Gewalt  

In seiner Predigt am Sonntag Invocavit weist Luther deutlich und unmissverständlich jede Gewaltanwendung von sich: "Sine vi humana, sed verbo" ["Durch das Wort, nicht mit menschlicher Gewalt"], denn als er mit seinen Freunden geruhsam beim Bier saß, habe allein das Wort, sein Wort gewirkt:

"Summa summarum predigen will ichs, sagen will ichs, schreyben will ichs. Aber zwingen, dringen mit der gewalt will ich nyemants, dann der glaube will willig, ungenötigt angezogen werden. Nempt ein exempel von mir. Ich bin dem ablas und allen papisten entgegen gewesen, aber mit keyner gewalt, ich hab allein Gottes wort getrieben, geprediget und geschrieben, sonst hab ich nichts gethan. Das hat, wenn ich geschlafen han, wenn ich wittenbergisch bier mit meynem Philipo [Melanchthon] und Amßdorff getruncken hab, als[o] vil gethan, das das Bapstum also schwach geworden ist, das jm noch nye keyn Fürst noch Keyser so vil abgebrochen hat. Ich hab nichts gethan, das wort hatt es alles abgehandelt und außgericht. Wann ich hätt wöllen mit ungemach faren, ich wolt Teützsch lanndt in ein groß plut vergiessen gebracht haben, ja ich wolt woll zu Wurmbß [Worms] ein spil angericht haben, das der keyser nit sicher wer gewesen. Aber was were es? ein narren spil wer es gewesen. Ich hab nichts gemacht, ich hab das wort lassen hendeln

     
Luther wirbt um Unterstützung für die Abschaffung der kath. Messfeier  

Luther ist das Festhalten seines Dienstherren Friedrichs an der katholischen Messfeier allerdings ein Dorn im Auge, doch treu seiner gewaltlosen Einstellung wirbt er um Unterstützung zu deren Abschaffung nur in seinen Predigten:

"Ich rede itzund mit Eurem Gewissen: Was geht uns der Kurfürst in solchen Sachen an" und warnt etwas später: "Das nit der grewlich zorn Gottes wie ein glyeender bachoffen [glühender Backofen)] sich über ewer hinlessigkeit erzürne unnd euch mit sampt den Abgoettischen pfaffen auffs grewlichst straf!".

 

 

 

Kurfürst Friedrich II. gibt nach  

Nach solch dramatischen und schauerlichen Androhungen erweist sich Kurfürst Friedrich II. ("Der Weise!") wieder einmal als würdiger Träger seines Beinamens und gibt schließlich nach.

So zeigt sich Luther Ende 1522 ganz als Optimist. In seiner Predigt zum 2. Advent bejubelt er den geistigen und reformatorischen Aufbruch:

"Es bricht ein Licht hervor, und geht ein Tag auf, er sei wie er wolle, das mag nicht anders sein: Es ist vordem solcher Witz, Vernunft und Verstand in der Christenheit nicht gewesen in weltlichen und leiblichen Sachen".

     
Luther und die "Täufer"  

Gegen die Bewegung der so genannten "Täufer" geht er allerdings immer wieder massiv verbal und schriftlich entschieden vor.

"Täufer" ist die Bezeichnung einer vielschichtigen christlichen reformatorischen Bewegung des 16. Jahrhunderts, die in der Schweiz, Tirol, Süddeutschland und in Ostfriesland ihre geografischen Ausgangspunkte hatte, sich aber schnell über ganz Zentraleuropa ausbreitete.

Wahlspruch des Täufermärtyrers Balthasar Hubmaier

Wahlspruch des Täufermärtyrers Balthasar Hubmaier

     
Wesentliche Auffas-

sungsunterschiede

  In den Augen der Täufer und ihrer Nachfolger gilt lediglich die Glaubenstaufe Mündiger aufgrund ihres persönlichen Glaubensbekenntnisses; die Taufe unmündiger Kinder gilt als unbiblisch und deshalb als ungültig. Da manche andere Christen es als Wiedertaufe ansehen, wenn ein Mensch, der die Säuglingstaufe empfangen hat, auf sein Begehren hin als Gläubiger bzw. Mündiger getauft wird, werden die Täufer von ihnen manchmal als "Wiedertäufer" ("Anabaptisten") bezeichnet. Von täuferischen Kirchen und vielen Christen wird diese Fremdbezeichnung als unzutreffend abgelehnt.

 

 

 

Balthasar Hubmaier, einer der vielen Glau-bensmärtyrer der "Täufer"

 

Balthasar Hubmaier (auch Hubmair, Hubmayr, Hubmör geschrieben) war ursprünglich röm.-kath. Priester. Er promovierte 1512 zum Doktor der Theologie und war zunächst Universitätsprofessor in Freiburg im Breisgau und Ingolstadt. Ab 1518 hatte Hubmaier die Stelle eines Dompredigers in Regensburg inne. In dieser Funktion rief er zur Verfolgung der Juden auf und beteiligte sich an der Zerstörung der Regensburger Synagoge. Als späterer Wallfahrtsprediger an der Kapelle „Zur schönen Maria“ wurde er bekannt durch seine fanatische Marienverehrung.

Nachdem er von Zitaten aus reformatorischen Schriften immer mehr sein bisheriges Leben in Frage stellt, sucht Hubmaier 1521 in Waldshut innere Einkehr und beginnt ab 1522, die reformatorischen Schriften Martin Luthers zu lesen, wobei ihn besonders die dort dargestellte paulinische Theologie fasziniert. Er kommt in Kontakt mit evangelischen Kreisen und schließt Freundschaft mit Huldrych Zwingli. In dessen Umfeld lernt er auch die Täufer kennen, unter ihnen den späteren Märtyrer Konrad Grebel (geb. um 1498 in Grüningen / Schweiz; gestorben 1526). Hubmaier war der Sohn eines bekannten Zürcher Kaufmanns und Ratsherrn. Er gilt als Mitbegründer der Täuferbewegung und wird häufig auch als Täufervater der Schweiz bezeichnet.)

Anfang 1525 lässt Hubmaier sich schließlich in Zürich taufen. Es kommt allerdings bald zu Reibereien und schließlich zum endgültigen Bruch mit Zwingli, nachdem er in seiner wohl bedeutendsten Schrift "Vom christlichen Tauff der Gläubigen" seine Taufauffassung gerechtfertigt hatte. Er wird daraufhin in Zürich verhaftet und widerruft seinen täuferischen Standpunkt, nachdem er mit der Todesstrafe bedroht worden war.

Nach einer erfolgreichen Flucht aus dem Gefängnis findet er Asyl in Nikolsburg in Südmähren. Dort stellt er sich gegen die in vielen Täuferkreisen gelehrte und praktizierte Gewaltlosigkeit. Er ruft – seine Schutzherrschaft in Nikolsburg unterstützend – zum bewaffneten Widerstand gegen die „türkische Gefahr“ auf.

In Mähren verfasste Hubmaier weitere 18 Schriften, durch die er großen Einfluss auf die täuferischen Kreis ausübt. Diese Schriften kreisen thematisch um die bekannten täuferischen Lehrauffassungen: Ablehnung der Kindertaufe, Gemeindezucht und Ablehnung des Eides. Historische Quellen berichten, dass Hubmaier in Mähren mehr als 2000 Anhänger getauft habe.

Hubmaier kehrt nach Waldshut zurück und gründet auch dort eine Täufergemeinde. Ferdinand I. lässt ihn dort unter dem Vorwurf des Aufruhrs verhaften. Während seiner Haft schreibt er seine bekannte „Rechenschaft meines Glaubens“, in der er sich eindeutig als Täufer bekennt. Das Angebot eines Widerrufs schlägt er aus und wird 1528 bei lebendigem Leibe beim Stubentor in Wien verbrannt. Seine letzten Worte: „Die Wahrheit ist untödlich!“ Drei Tage nach seinem Märtyrertod wird seine Ehefrau ertränkt, alles auf Befehl und mit audrücklicher Billigung des habsburgischen Kaisers...

 

 

 

Hans Sachs und die

"Wittenbergische Nachtigall"

 

Der Nürnberger Schuhmacher und Poet Hans Sachs*) stellte sich schon früh auf die Seite der Reformation und verbreitete die Lehre Martin Luthers in seinem wohl berühmtesten Gedicht "Die Wittenbergisch Nachtigall". In der Folge produzierte Sachs mehr als 6.000 Werke, viele davon in Knittelversen und wurde zu einem der bekanntesten Dichter des 16. Jahrhunderts. Er erklärt den Lesern die reine Lehre Luthers und die Geschichte der Reformation in einem Gedicht mittels einer Tierallegorie:

           "Die Wittembergisch Nachtigall
            Die man yetz höret uberall.
            Ich sage ewch, wo dise sweygen,
            so werden den die Steyne reden. "

Die Nachtigall (Luther) begrüßt den aufbrechenden Tag (die reine Lehre des Evangeliums). Die Schafe (die Gläubigen) von Schlangen (dem Klerus) ausgesaugt irren in der Wüste umher, doch einige in der Ferne haben bereits zum Lamm Gottes gefunden. Die Tiere unter dem Baum möchten der singenden Nachtigall ans Gefieder.

Allen voran der König der Tiere, der Löwe (Papst Leo X., der Luther gebannt hatte), das Wildschwein (Johannes Eck, die "Ecksau"), die Katze (der Franziskanermönch Johannes Murner aus Freiburg), der Bock (Hieronymus Emser, der in einer neuen katholischen deutschen Bibelübersetzung Luther Irrtümer und Lügen vorwirft) und weitere böse "Tiere".

Richard Wagner hat dieses Lied übrigens auch in seine Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" übernommen.

 

Bodenstein (Karlstadt)

 

Die von Luther

angeregte "Sozialkasse"

 in Wittenberg

 

Thomas Müntzer

 

Der Schlachtberg bei Frankenhausen mit Panoramamuseum heute

 

Die "Lutherstadt"

Wittenberg heute

 

Balthasar Hubmaier, der Täufermärtyrer

 

Käfige für gefangene

Täufer am Turm der Lambertikirche in Münster

 

Hans Sachs,

Schuhmacher,  Poet

und "Meistersinger"

 

Titelseite der

"Wittenbergischen Nachtigall" von

Hans Sachs

 

 

 

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Der erste Lebensabschnitt

Der Ablasshandel

95 Thesen und deren Folgen

Die 95 Thesen in Originalwortlaut

Vom Reichstag in Worms zur Wartburg

Junker Jörg - Mythen und Fakten

Ein religiöses u. literarisches Großereignis

Innerreformatorische Konflikte

Luther und die Juden

Eheschließung und Familienleben

Herr Käthe - Luther und seine Ehefrau

Die Bauernkriege

Festigung der Reformation