Reformation grundsätzlich - auf den Spuren Luthers

   (eine historische Annäherung)                                          

   Ablasshandel und Bußpraxis                                                2

 

 

Ablass und Busspraxis  

Luther hatte schon bei seiner Romreise Bußpraktiken kennen gelernt, die er innerlich ablehnte. Jetzt wurde er mit dem Verkauf von Ablassbriefen konfontiert. Mit ihrer Hilfe sollte der Bau des Petersdoms in Rom finanziert werden. Ablassbriefe *) sollten den Gläubigen einen dem Geldbetrag entsprechenden Bußerlass für sie oder für bereits gestorbene Angehörige bescheinigen, wurden aber als Sündenerlass gegen Geld verkauft:

"Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt", war der wirkungsvolle Werbeaufhänger. Genau ein Jahr vor dem Thesenanschlag in Wittenberg predigte Luther erstmals öffentlich dagegen.


*) Als Ablass bezeichnet nach dem katholischen Kirchenrecht den Nachlass zeitlicher Strafen vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist (Corpus Iuris Canonici: Can. 992). Der Ablass entstand auf dem Boden der frühmittelalterlichen Bußpraxis in der lateinischen Kirche und wurde erstmals im 11. Jh. in Frankreich gewährt. Zunächst noch mit dem Bußsakrament verbunden, wurde er im 13. Jh. von diesem abgetrennt und in der Folge oft als „Bußersatz“ missverstanden.

     
Luther wird Prediger   Seit etwa 1514 ist Luther nicht nur Mönch und Universitätsprofessor, sondern auch Prediger an der Wittenberger Stadtkirche. Hier auf dieser Position geht es nun nicht mehr um akademische Thesen und Gegenthesen, sondern um das Seelenheil der "Herde".

In der Predigt, bei der Abnahme der Beichte sowie der gemeinsamen Feier der Heiligen Messe sieht  Luther es als seine Aufgabe an, den Menschen den richtigen Weg zur Erkenntnis von Gottes Willen zu zeigen. Hier muss er auch die falschen Wege, die von Gottes Willen wegführen, deutlich machen.

Und genau an diesem Punkte kollidiert Luther unversöhnlich mit dem System der katholischen Werkgerechtigkeit in Form des Ablasswesens.

     
"Lieber in die Nachbarstadt..."

 

Im Frühjahr 1517 erlebt es Luther immer häufiger, dass die Wittenberger Bewohner der Beichte fernbleiben und stattdessen in die auf brandenburgischem bzw. anhaltinischem Gebiet liegenden Städte Jüterbog und Zerbst strömen, um sich sowohl von ihren Sündenstrafen als auch von den Sünden selbst durch den Erwerb von Ablasszetteln freizukaufen.

Danach wollen sie sich ohne jede Reue und Besserung von Luther lossprechen lassen. Das trifft den Beichtvater und Seelsorger im innersten, hat er sich doch in einem qualvollen Prozess zu der Auffassung durchgerungen, dass man als Sünder Gott lieben und deshalb Leid und Reue über seine Sünden ein Leben lang tragen müsse.

Einer solchen Meinung zum Hohne verspricht die Kirche nun, dass man sich mit Geld von dieser einzig möglichen christlichen Existenzweise freikaufen könne.

 

Preise einiger Ablässe

Ein Kirchenraub und Meineid kostet 9 Dukaten, ein begangener Mord kostet 8 Dukaten.

Sozio-ökonomische Ursachen der Verzerrung

 

Der Ablass hatte sich in einem jahrhundertelangen Prozess im Zusammenhang mit dem Bußsakrament herausgebildet.

Der Sünder musste bereuen, dies durch die Beichte vor dem Priester kundtun, um von diesem die Absolution und eine auferlegte Buße, d. h. Sündenstrafe zu erhalten. Diese Strafe konnte man nun durch eine Ablasszahlung tilgen. Dem lag die alte Vorstellung zugrunde, dass die Kirche durch Christi und der Heiligen Leiden einen unendlichen "Schatz der Kirche" angehäuft habe, den die Bischöfe und Priester wiederum an die Sünder austeilen konnten.

Durch spätmittelalterliche sozioökonomische Prozesse entartete jedoch das Ablasswesen vollends zu undurchsichtigen finanzpolitischen Transaktionen. Im Zuge des gewaltig angewachsenen Finanzbedarfs der Kurie verteilte diese an kirchliche Institutionen Ablassbriefe mit dem Recht, Ablässe für Sündenstrafen zu verkaufen.

Gegen diese Praxis tritt Luther 1517 schließlich mit seinen 95 Thesen auf (dazu mehr weiter unten); der Missbrauch wurde jedoch erst durch das Konzil von Trient (1545-63) endgültig abgestellt.

Die realpolitischen Hintergründe

Papst Julius II. ruft während seines Ponzifikates den sogenannte Petersablass aus, um den 1505 begonnenen Neubau des Petersdoms in Rom fertig stellen zu können.

Den Vertrieb dieses Ablasses in Deutschland überträgt sein Nachfolger Leo X. 1515 dem Hohenzollernprinzen Albrecht von Brandenburg. Dieser wiederum ist seit 1513 Bischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt und 1515 sogar Erzbischof von Mainz geworden.

Für diese eigentlich unerlaubte Pfründenhäufung muss er 29.000 Gulden an die Kurie in Rom zahlen. Dazu hat er einen Kredit über 72.000 Gulden bei der reichen Handelsfamilie der Fugger in Augsburg aufgenommen.

Aus den einzunehmenden Ablassgeldern soll die eine Hälfte nach Rom zum Bau von St. Peter weitergeleitet werden, die andere Hälfte über 36.000 Gulden, soll der Kardinal zur Begleichung seiner Schulden bei den Fuggern behalten dürfen.

Allerdings sieht Albrecht von seinem Anteil des Petruspfennigs keinen "roten Heller" (die kleinste Hellermünze war aus Kupfer, daher kommt der Ausdruck), denn mit den Ablasspredigern zieht jeweils ein Beauftragter des Augsburger Handelshauses übers Land, um die zügige Rückzahlung des gewährten Kredits mit Zins und Zinseszins sicherzustellen

Albrecht lässt für seine Unterkommissare eine Instruktion erarbeiten. Auf deren Grundlage zieht der berüchtigte Dominikaner Johann Tetzel durch die magdeburgischen und brandenburgischen Städte und Dörfer nördlich von Wittenberg und verkauft marktschreierisch die Ablassbriefe.

Bald heißt es, man könne bei Tetzel auch Ablass für die Sünden schon Verstorbener erlangen und Tetzel könne sogar - wäre dies möglich - die schwere Sünde der Vergewaltigung der Gottesmutter Maria mittels Ablass vergeben...

     
    Es waren jedoch, dies sei ausdrücklich betont, nicht diese offensichtlichen "christlich" motivierten Finanzmanipulationen, die Luthers Zorn hervorriefen. Humanistisch beeinflusste Ironie und Satire, auch Witze, hinter vorgehaltener Hand und auch offen erzählt, waren durchaus keine Seltenheit.

Mit einer solchen Ablassvorstellung, wie sie Tetzel verbreitete, wurde Luthers Überzeugung geradezu verhöhnt, dass sich der sündige Mensch ein Leben lang zerknirscht und in Demut Gottes Majestät zu unterwerfen habe.

Hier aber wurde den Gläubigen ein bequemer, oberflächlicher und also falscher und Gott beleidigender Weg versprochen. Dem musste unbedingt Einhalt geboten werden.

     

Außergewöhnlicher Mut oder

unbedachtes Handeln?

 

Schon vorher hatte sich Luther gelegentlich gegen den Ablassmissbrauch geäußert. Vor allem in Predigten hatte er seinen Zuhörern wiederholt eingeschärft, dass man Gottes Ehre Abbruch tue, wenn man Ablässe ohne wahrhafte innere Reue und Buße erwirbt. Durch die Kommerzialisierung des Ablasshandels war allerdings eine völlig neue Situation eingetreten und Luther meinte wohl , es sei Zeit, sich an die Verantwortlichen zu wenden, um die Ablassinstruktion zurückzunehmen und das schändliche Wirken der Ablassprediger einzustellen.

Am 31. Oktober 1517 wendet sich Luther daher in Briefen an seine kirchlichen Vorgesetzten, den Bischof Hieronymus Schulze von Brandenburg und den Erzbischof Albrecht von Magdeburg. Er legt eine Abschrift seiner Thesen bei. Möglicherweise schrieb er auch noch anderen Bischöfen. Erhalten ist nur der Brief an Albrecht.

     
"Unter Furcht und Zittern"  

Laut Selbstaussage "unter Furcht und Zittern und Gebet" geschrieben, lässt er zumindest ahnen, dass sich Luther der Brisanz des angesprochenen Problems wohl bewusst war. Wenn er sich als "wahrer Interessenvertreter des Bischofs und des Papstes" bezeichnet, ist das mit Sicherheit nicht aus taktischem Kalkül geschehen, sondern resultiert aus der Hoffnung, dass beide dem praktizierten Ablassmissbrauch einen Riegel vorschieben mögen.

Diesem Brief an Kardinal Albrecht legt Luther also seine 95 Thesen bei. Sie stellen bohrende und kritische Fragen an die herrschende Praxis des Ablasshandels, ohne den Ablass insgesamt oder gar die Kirche und ihre Repräsentanten als Vermittler des Heils in Frage zu stellen. Jedoch war es mit Sicherheit kein Zufall, wie es von Historikern gelegentlich behauptet wird, dass es gerade über den Ablassstreit zum Konflikt mit Rom gekommen ist.

Im Unterschied zu den Thesen gegen die scholastische Theologie zielten die Ablassthesen - zwar ungewollt und unvorhergesehen - jedoch höchst wirkungsvoll und effektiv - direkt ins Zentrum weltlicher Machtausübung und Politik der Kirche.

Zunächst passiert aber überhaupt nichts. Reaktionen sowohl in Wittenberg und seitens seiner Freunde, an die Luther die Thesen verschickt hatte, als auch von den Bischöfen blieben zunächst aus.

     
Luther in Hochstimmung  

Dessen ungeachtet befand sich Luther seit der Versendung der Thesen offensichtlich in einem Zustand befreiter Hochstimmung. Seit Anfang November 1517 unterzeichnete er seine Briefe häufig mit "Eleutherius". Das ist ein griechisch-lateinisches Wortgebilde (griechisch eleutheros - frei).

Luther verstand sich also als "der Freie" oder "der Befreite". Darin drückt sich wohl die Empfindung aus, nun seinen "Rubikon" überschritten zu haben, natürlich nicht im Sinne eines Bruches mit der Kirche, sondern wohl eher aus dem Wissen, nun praktische Konsequenzen aus erlangten Einsichten gezogen zu haben. Deutlich wird aus seinen Briefen wohl, dass Luther sich der Brisanz des Themas für die kirchliche Praxis bewusst war, dass er sozusagen absichtlich in einem Wespennest herum stocherte.

Außer an die Bischöfe hatte Luther die Thesen nur an ganz wenige vertraute Freunde gesandt. Damit jedoch löste er eine Kettenreaktion aus. In Abschriften gelangten die Thesen unter anderem nach Nürnberg, Leipzig und Basel, wo sie noch im Dezember 1517 gedruckt wurden. Von diesem Zeitpunkt an gilt, was Luther später selbst (etwas überzogen vielleicht) in die Worte fasste, die Thesen "liefen schier in 14 Tagen durch ganz Deutschland".

 

 

Das Predigerseminar

in Wittenberg

 

Luther predigt

an der Wittenberger Stadtkirche

 

Schlosskirche in

Wittenberg

 

Johannes Tetzel, der

"Ablasshändler"

 

Ablasskasten des

Johannes Tetzel

 

Papst Julius II.

 

Papst Leo X.

 

Der Petersdom

in Rom

 

Der Kaufmann

Jakob Fugger,

 genannt "Der Reiche"

 

Kardinal und

Erzbischof von Mainz, Albrecht von

Hohenzollern

 

 

 

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Der erste Lebensabschnitt

Der Ablasshandel

95 Thesen und deren Folgen

Die 95 Thesen in Originalwortlaut

Vom Reichstag in Worms zur Wartburg

Junker Jörg - Mythen und Fakten

Ein religiöses u. literarisches Großereignis

Innerreformatorische Konflikte

Luther und die Juden

Eheschließung und Familienleben

Herr Käthe - Luther und seine Ehefrau

Die Bauernkriege

Festigung der Reformation