Reformation grundsätzlich - auf den Spuren Luthers

    (eine historische Annäherung)

    Luther und die Bauernkriege                                               11

 

 

 

Die Ursachen der Bauernkriege  

Zeitlich fallen mit der Reformation auch die Bauernaufstände zusammen, die sich bald wie ein Flächenbrand in ganz Mitteleuropa verbreiteten. Oft wird die Reformation dafür verantwortlich gemacht, aber das stimmt historisch nicht, obwohl sich viele aufständische Bauern dabei auf reformatorisches Gedankengut und die Schriften Martin Luthers beriefen.

Die wirklichen Ursachen für das Aufbegehren der Bauern waren sehr vielfältig und je nach der örtlichen Situation auch sehr unterschiedlich.

Anfang des 16. Jahrhunderts war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nämlich in eine Vielzahl kleiner Feudalherrschaften zersplittert. Viele Probleme der Bauern waren daher lokal begrenzt und durch den jeweiligen Landesherrn bedingt.

Die meisten Ursachen der Aufstände waren in der allgemeinen Situation der Bauern - übrigens die größte Bevölkerungsgruppe im Reich - begründet, die sich von Herrschaft zu Herrschaft nicht wesentlich unterschied.

 
       
Lokale Bauern-aufstände greifen auf das Reich über   Die mittelalterliche Regelung der Rechte von Feudalherren führte (auch infolge vieler Kriege, die untereinander geführt wurden) dazu, dass die Fürsten den Bauern immer mehr Abgaben aufbürdeten, ihre gewohnten Rechte (z. B. Jagen, Fischen, Holz schlagen) immer stärker beschränkten und sie in die Leibeigenschaft zwangen.

Diese gespannte Situation brachte es mit sich, dass es schon im 15. Jahrhundert zu einer Serie von Bauernaufständen kam.

Erste Aufstände gab es zuerst in der Schweiz. In den deutschen Gebieten kam es 1524 bis 1526 zum Großen Bauernkrieg. Ausgehend von schweizerischen, südtirolerischen, österreichischen und bayerischen Bauern breiteten sich die Aufstände wie ein Flächenbrand aus.

Aber es waren nicht nur die Bauern, die eine Änderung ihrer Situation anstrebten, auch einige Städte schlossen sich den Bauernaufständen an, da die Unzufriedenheit mit Fürsten und Bischöfen allgemein sehr groß geworden war.

 
       
Die 12 Artikel und Bundesordnung  

Am 6. März 1525 trafen sich in Memmingen etwa 50 Vertreter verschiedener süddeutscher Bauerngruppen, um sich über das gemeinsame Auftreten gegenüber der Obrigkeit zu beraten. Nach schwierigen Verhandlungen verkündeten sie einen Tag später die Christliche Vereinigung, eine Art  Eidgenossenschaft der Bauern. Am 15. und am 20. März 1525 trafen sich die Bauern wieder in Memmingen und verabschiedeten nach weiteren langwierigen Beratungen die Zwölf Artikel und die Bundesordnung .

Diese beiden Schriftstücke sind übrigens die einzigen der vielen Programme des Bauernkrieges, die gedruckt wurden und heute noch erhalten sind.

Besonders die Zwölf Artikel wurden innerhalb der nächsten zwei Monate mit einer für die damalige Zeit ungeheuren Auflage von insgesamt 25.000 Exemplaren gedruckt und verbreiteten sich in ganz Deutschland.

Da beide Texte im Laufe des Bauernkrieges nicht weiter entwickelt oder abgeändert wurden, wird von manchen Historikern von einer verfassungsgebenden Bauernversammlung in Memmingen gesprochen.

Auch die Bundesordnung erreichte hohe Auflagen und war wohl vor allem deshalb bei den Bauern populär, weil sie ein Modell für eine auf gemeindeeigene, föderative Gesellschaftsordnung bot.

Im Schwarzwald, im Elsass und im nördlichen Bayern bis hinein in die Schweiz lassen sich Bauernbündnisse nachweisen, die danach organisiert waren.

 
       
Die Wurzeln der 12 Artikel  

Wo man die Wurzeln der Zwölf Artikel suchen muss, ist in Historikerkreisen bis heute sehr umstritten.

Manche Forscher weisen sie dem Bauernkanzler Wendel Hipler*) zu. In der Regel rechnet man sie aber dem Memminger Reformator Sebastian Lotzer**) zu, der möglicherweise zusammen mit Christoph Schappeler***) schon seit längerem bestehende Texte erweitert hat.


*) Wendel Hipler (* 1465 in Neuenstein; † September 1526 in Heidelberg) war ein ehemaliger Sekretär und Kanzler der Grafen von Hohenlohe, der im Mai 1525 im Bauernkrieg als Bauernkanzler das große Bauernparlament in Heilbronn leitete

**) Sebastian Lotzer, Kürschner und Schreiber des Baltringer Haufens im Bauernkrieg, * 1490 in Horb am Neckar, 1525 nach der Niederlage des von ihm geführten Bauernhaufens nach St. Gallen geflohen; Todesjahr und Todesort unbekannt.

***) Christoph Schappeler (* um 1472 in St. Gallen; dort † 25. August 1551) war ein reformierter Theologe, Bauernführer und Reformator.

 
       
"Sola scriptura"

auch hier

  Diese 12 Artikel gaben ihren Forderungen erstmals eine einheitliche Formulierung: Ihre Forderungen reichten von der  Wiederherstellung ihrer Gewohnheitsrechte bis zur Aufhebung der Leibeigenschaft bis hin zu demokratischen Grundrechten.

Sie beriefen sich dabei auf das „göttliche Recht“ und Luthers Schriftprinzip sola scriptura.

So wie Luther selbst erklärten sie sich bereit, ihre Forderungen fallen zu lassen, sobald man ihnen aus der Bibel ihr Unrecht beweise. Dies gab ihren schon früher religiös begründeten Hoffnungen auf soziale Befreiung erstmals Durchschlagskraft.

 
       
Die 12 Artikel, in heutiges Deutsch (1916) übersetzt 7.

"1. Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu wählen und ihn abzusetzen, wenn er sich ungebührlich verhält. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen können.

2. Von dem großen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger Überschuss soll für die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll aufgehoben werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.

3. Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Leibeigene gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, davon ganz abgesehen hat uns Christus alle mit seinem kostbaren Blutvergießen erlöst und erkauft, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum findet sich in der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

4. Ist es unbrüderlich und dem Wort Gottes nicht gemäß, dass der arme Mann nicht das Recht hat, Wildbret, Geflügel und Fische zu fangen. Denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt über alle Tiere, den Vogel in der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.

5. Haben sich die Herrschaften die Wälder zum alleinigen Nutzen angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher all jener Wald, der nicht gekauft wurde (gemeint sind wohl ehemalige Gemeindewälder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten) der Gemeinde wieder zurückgegeben werden, damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.

6. Soll man die Frondienste wegen, welche von Tag zu Tag mehr werden und täglich zunehmen, ein ziemlich reduzieren, wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.

7. Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht über das bei der Verleihung festgesetzte Maß hinaus erhöhen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war nicht unüblich.)

8. Können viele Güter die Pachtabgabe nicht erwirtschaften. Ehrbare Leute sollen diese Güter besichtigen und die Pachtabgabe nach dem tatsächlichen Wert neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes würdig.

9. Werden der großen Einnahmen durch Gerichtsbußen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erhöhungen von Strafen und Willkür bei der Verurteilung waren üblich). Daher ist unsere Meinung, uns nach den althergebrachten Gesetzen zu strafen, damit die Sache gerecht verhandelt wird, und nicht nach Gunst.

10. Haben etliche sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (also Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unserer  allgemeinen Verwendung zurückbekommen. 

11. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, damit nie mehr Witwen und Waisen so schändlich - gegen Gottes Gesetz und der Ehre -  beraubt werden.

12. Ist unser Beschluss und abschließende Meinung: Wenn einer oder mehr der hier aufgestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären ... wollen wir von ihnen Abstand nehmen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt genehmigte und es fände sich hinterher, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von diesem Moment an tot und gestrichen sein. Das selbe Vorgehen wollen wir uns aber auch vorbehalten, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären. "

 
       
   

Luther stand allerdings den 12 Artikeln wegen ihrer aus seiner Sicht falschen Berufung auf die Heilige Schrift eher distanziert gegenüber.

Im April 1525 sah er sich aber trotzdem veranlasst, sich in einer Flugschrift um eine gütliche Einigung und eine allen Parteien entsprechende Lösung zu bemühen. Darin griff er einige berechtigte Forderungen der Bauern auf und wies sowohl sie als auch die Fürsten zurecht.

Die Bauern trugen natürlich schwer unter den vielen Lasten und sahen in den Lehren Luthers und in der Reformation insgesamt die Bestätigung, dass die meisten dieser Belastungen und Behandlungen  nach Gottes Wort nicht gerechtfertigt waren.

Luther aber war nicht erbaut über die Aufstände der Bauern und deren Berufung auf ihn. Er befürchtete wohl schädliche Folgen für die Anliegen der Reformation. Er wandte sich an die Bauernschaft und ermahnte sie zum Frieden. Aber auch an die Herren schrieb er:

"Sie (die Bauern) haben zwölf Artikel aufgestellt, unter denen einige so gerecht sind, dass sie euch vor Gott und der Welt zur Schande gereichen. Doch sie sind fast alle auf ihren Nutzen und ihnen zugut abgestellt und nicht aufs beste ausgearbeitet. [...] Nun ist's ja auf die Dauer unerträglich, die Leute so zu besteuern und zu schinden!"

 
       
Weinsberger Bluttat  

Doch nachdem einige Bauern einen Grafen und seine Begleiter ermordet hatten (man spricht seither von diesem Ereignis als der "Weinsberger Bluttat"), verfasste Luther seine Schrift "Wider die mörderischen Rotten der Bauern."

Diese Schrift verdammte die Aufstände nunmehr als Werk des Teufels und forderte alle Fürsten - unabhängig von ihrer Konfession - dazu auf, die Bauernaufstände mit aller notwendigen Gewalt niederzuschlagen.

Daraufhin verstärkten die Fürsten, bei denen Luthers Wort auf einmal Gewicht hatte, ihre Gegenmaßnahmen und gingen besonders gegen deren Anführer scharf vor.


*) Bei diesem Überfall töteten die Bauern unter Jäcklein Rohrbach nach der Erstürmung von Stadt und Burg Weinsberg den Obervogt Graf Ludwig Helferich von Helfenstein mit seinen Gefolgsleuten.

 
       
Luther und Müntzer geraten wieder einmal aneinander  

Luther ist über das brutale Gemetzel auf beiden Seiten entsetzt und ruft deutlich zu Frieden und Einstellung aller Kampfhandlungen auf, sein Ruf verhallt jedoch wirkungslos.

Schließlich erreichen die Aufstände 1525 auch Thüringen und Sachsen. Hier war Luthers Widersacher Thomas Müntzer zum Wortführer der Bauern geworden.

Müntzer hatte - übrigens wie Luther auch - versucht, die Landesfürsten für Reformen zu gewinnen. Nachdem Luther den Kurfürsten aber eindringlich beschworen hatte, Müntzers Forderungen abzulehnen, wurden dessen Reformversuche in Allstedt sofort verboten.

 
       
Müntzer führt das Bauernheer an  

Nun übernahm Müntzer die Führung des Bauernheeres und wollte es nach Mansfeld führen, um den dort ansässigen Grafen davonzujagen. Bei Bad Frankenhausen wurde sein Heer aber vom Fürstenheer gestellt und umzingelt. Die Bauern waren nur mit Schlegeln und Sensen bewaffnet und hatten kaum Kampferfahrung.

Müntzers Talente lagen nicht so sehr auf militärischem, sondern mehr auf rhetorischem Gebiet. Er galt als ein wortgewaltiger Prediger. so schätzte er die folgende Situation falsch ein.

Nach Scheinverhandlungen trieben die berittenen Soldaten die Bauern auseinander und richteten ein Blutbad an, bei dem etwa 5000 Bauern ermordet wurden.

Thomas Müntzer wurde nur wenige Tage später gefasst und enthauptet.

 
       
Noch stärkere Belastungen für die Bauern   Nach dieser Niederlage wurden auch alle übrigen Aufstände nach und nach niedergeschlagen. Man schätzt, dass im deutschen Sprachraum bis 130.000 Bauern dabei ihr Leben verloren.

Nur in vereinzelten süddeutschen Städten und Gebieten wurden einige ihrer Forderungen erfüllt; für alle übrigen revoltierenden Bauerngruppen galt, dass vielfach ihre Lasten und Abgaben dagegen sogar noch verschärft wurden.

Nach diesem ersten Revolutionsversuch dauerte es schließlich über 300 Jahre, bis der Feudalismus, und 400 Jahre, bis die Monarchie in Deutschland überwunden wurden.

 
       
Keine Rechtfertigung für Aufstände aus der Bibel   Stand hinter Luthers Ablehnung der Bauernaufstände sein Zerwürfnis mit Müntzer, wie es manche Historiker vermuten?

Fest steht jedenfalls: Müntzer hatte als Lutherschüler in der Bibel Impulse für die soziale Revolution gefunden. Er glaubte, es sei Gottes Wille, die Lage der Elenden direkt zu ändern und die politischen Verhältnisse dem erwarteten Reich Gottes anzugleichen. Er wollte damit wohl erreichen, auf diese Weise auch die Ungebildeten zur Annahme des Evangeliums bereit zu machen.

Luther dagegen lehnte die direkte Verwendung der Bibel für politische Ziele energisch ab und wehrte sich bereits 1521 gegenüber dem humanistischen Schriftsteller Ulrich von Hutten*) vehement dagegen, „mit Gewalt und Mord für das Evangelium zu streiten“.

Er unterschied strikt zwischen „weltlichem“ vom „geistlichem“ Bereich. Zwar - so Luther - begegne der Christ in beiden Bereichen Gottes Willen, aber in verschiedener Gestalt. Die biblischen Gebote gälten daher nur für die Gläubigen! Wer sie direkt auf die Politik übertrage, gefährde die Freiheit des Evangeliums, das die Gewissen befreien und nicht durch neue Gesetze versklaven solle (Zwei-Reiche-Lehre).

Daher begrüßte er Müntzers Ende als "gerechte Strafe für den Teufel“, der gegen Gottes Ordnung rebelliert hatte. Trotzdem fühlte er sich sein Leben lang mitverantwortlich für das Gemetzel, das nicht zuletzt auf seinen Aufruf hin geschehen war und litt schwer darunter, dass die Situation derartig schlimme Formen angenommen hatte. Mit seiner Empfehlung des Weingartner Vertrages unterschied er weiterhin berechtigte von unberechtigten Reformen.


*) Ulrich von Hutten, (* 21. April 1488 auf Burg Steckelberg; † 29. August 1523 auf der Ufenau)

 

 

Die Lutherrose

 

Martin Luther

 

Titelseite der 12 Artikel

 

Grafik aus

einem Flugblatt

 

Ein Bauernführer mit der Freiheitsfahne auf

einem zeitgenössischen Holzschnitt

 

Eines der unzähligen Flugblätter mit  Schilder-

ungen von Ereignissen im Bauernkrieg

 

Weinsperg auf einer  Darstellung von 1525

 

Darstellung der "Weinsperger Bluttat"

durch M. Merian d. Ä.

 

Jäcklein Rohrbach wird

1525 bei Neckargartach lebendig verbrannt

 

Luther über Vereinnah-

mung der Reformation durch  Bauern unglücklich

 

Thomas Müntzer

 

Ulrich von Hutten,

Humanist

 

 

Unterseiten:

Ref. i. D.  1

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Der erste Lebensabschnitt

Der Ablasshandel

95 Thesen und deren Folgen

Die 95 Thesen in Originalwortlaut

Vom Reichstag in Worms zur Wartburg

Junker Jörg - Mythen und Fakten

Ein religiöses u. literarisches Großereignis

Innerreformatorische Konflikte

Luther und die Juden

Eheschließung und Familienleben

Herr Käthe - Luther und seine Ehefrau

Die Bauernkriege

Festigung der Reformation