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Zäsur zwischen
Mittealter und Neuzeit |
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Die Reformation und die sich daran anschließenden
Spaltung der abendländischen Christenheit kann als Zäsur
zwischen Mittelalter und Neuzeit verstanden werden. Es ist für uns
heute bestimmt nicht leicht, einen Zugang in die
isolierte Welt eines
Augustiner-Eremitenklosters zu Beginn des 16. Jhdts zu
finden. Dorthin eben, wo der Mönch und Professor Martin
Luther lebte und um den Weg zu seinem Seelenheil rang. Der
durch seine Thesen gegen den Ablass, die er
angeblich am 31. Oktober 1517 an die Kirchentür der Schlosskirche
zu Wittenberg angeschlagen haben soll - und durch die damit
verbundene Kritik an der römischen Kirche - eine nachhaltige
Veränderung der Welt herbeiführte. |
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"Wer ist Martin
Luther?" |
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Aber wer ist dieser
Martin Luther? Das fragte sich schon der
Kardinal Cajetan, als ihm die Thesen des
"Mönchleins" zu Ohren kamen - und das fragte sich
Luther auch selber, wenn er über seine
Vergänglichkeit nachgrübelt...
Sicher, die
meisten seiner biografischen Eckdaten sind historisch
einigermaßen gesichert, aber in der Beurteilung dessen,
was er getan oder bewirkt hat, scheiden sich (naturgemäß) die
Geister.
Ohne Klischees
bedienen zu wollen, ist er ein einzigartiger Mann
gewesen, der unsere Welt nachhaltig verändert hat. Und wie es bei
bedeutenden Persönlichkeiten oft passiert, rankten sich um seine
Person und sein Leben bald so manche Legenden und
Mythen.
Aber wer war er
wirklich?
Lassen Sie uns
zusammen eine Spurensuche durch die Geschichte aufnehmen... |
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Geburt und Kindheit |
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Luthers Eltern
sind der Bauer, Bergmann, Mineneigner und spätere Ratsherr
Hans Luder (1459–1530) und dessen Ehefrau Margarethe,
geb. Lindemann (1459–1531), die aus Möhra
stammen. Martin wurde als ihr erster oder zweiter Sohn (das ist
unsicher, die Eintragungen im Taufbuch sind mehrfach korrigiert)
in Eisleben geboren. Am folgenden Martinstag
(11. November 1483) wird er auf den Namen des Tagesheiligen
Martin getauft.
Er wächst im
benachbarten Mansfeld auf, wo der Vater als Hüttenmeister
im Kupferschieferbergbau einen bescheidenen
Wohlstand erwirbt. Beide heute „Lutherstädte“ genannten
Orte liegen im Mansfelder Land und heute im
Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt
und hatten damals einige tausend Einwohner.
Luther erfährt
- wie er es später einmal in einem Brief schildert - eine
normale, zwar strenge väterliche, aber auch
liebevolle Erziehung. Seine Eltern waren
kirchentreu, aber nicht übermäßig fromm.
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Erste Schulbildung |
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Von 1488 bis 1497 besucht er die Mansfelder Stadtschule
und danach für ein Jahr die Magdeburger Domschule. Dort
unterrichten die Brüder vom
gemeinsamen Leben*), eine
spätmittelalterliche Erweckungsbewegung, deren wesentliche
theologische Gedanken sich manchmal in Luthers Schriften
nachweisen lassen.
*) Die "Brüder vom gemeinsamen Leben", ursprünglich niederländisch:
"Broeders des gemeenen levens" werden im Deutschen auch "Fraterherren"
(vom lateinischen "frater = Bruder") genannt. Regional gibt beziehungsweise gab es zudem die Bezeichnungen Kugelherren und Kugelhaus für ihre Stiftsgebäude. Diese Bezeichnungen waren möglicherweise von ihrer
„Gugel“ genannten Kopfbedeckung abgeleitet. Die Brüderschaft war eine am Ende des 14. Jahrhunderts in
Deventer um
Geert Groote entstandene religiöse Gruppe, deren Mitglieder
keine Mönchsgelübde ablegten, sich aber in kleinen klosterähnlichen
Gemeinschaften oder sogenannten Brüder- oder Fraterhäusern zusammenschlossen.
Sie predigten eine
praktische Frömmigkeit und galten als die wichtigsten Vertreter der
Devotio moderna. Ihr Einfluss auf das Geistesleben in den Niederlanden und Nordwestdeutschland war bis zur Reformation bedeutend. Das Fraterhaus in Rostock, auch als Michaeliskloster bekannt, unterhielt eine der
wichtigsten Buchdruckereien und Buchbindereien im Ostseeraum.
Einer bedeutender
"Bruder vom gemeinsamen Leben" war
Georgius Macropedius. Auch der Theologe
Thomas von Kempen (Thomas a Kempis) kann zu dieser Gruppe gerechnet werden.
Im Laufe der Reformation und endgültig dann im 17. Jahrhundert sterben diese Gemeinschaften aus.
In Marburg ist noch der umfangreiche
Komplex der Kugelherren und das spätgotische Kugelhaus, das heute die Völkerkundliche Sammlung der Universität enthält, und die
Kugelkirche erhalten.
1498 schickten
ihn die Eltern auf das Franziskanerstift Eisenach,
wo er eine musikalisch-poetische Ausbildung erhielt. Er galt als
sehr guter Sänger und lernte das Lauten- und- Celestaspiel. Das
sollte ihm später bei seinem kompositorischen und dichterischen
Schaffen zugute kommen, auch wenn der Vater meint: "dass
seint Künst, die ein Mannsbildt accurat schlecht anstenn"
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Beginn des
Universitätsstudiums |
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Von 1501 bis
1505 studiert Luther an der Universität Erfurt
in Thüringen und erhält den „Magister Artium“ der
philosophischen Fakultät. Ein weiteres Studium war nämlich an den
Abschluss eines Studiums der sieben freien Künste gebunden. Dazu gehörte eine Grundausbildung auf Lateinisch
in
den Fächern Grammatik, Rhetorik, Logik, Ethik und
Musik. Hier
erwirbt er sich eine genaue Kenntnis der Lehren des Aristoteles,
die seit Thomas von Aquin
die mittelalterliche Scholastik*)
beherrschen, aber in Erfurt
bereits unter Kritik standen.
*) Scholastik,
abgeleitet vom mittellateinischen scholasticus „Schulmeister“
(als Adjektiv „schulisch“), ist eine wissenschaftliche
Denkweise und Methode, die in der mittelalterlichen
lateinischsprachigen Gelehrtenwelt entwickelt wurde. Vorstufen
entstanden im Hochmittelalter. Im Spätmittelalter wurde diese
Methode voll ausgebildet und beherrschte das gesamte höhere
Bildungswesen. Noch in der frühen Neuzeit war sie an Universitäten
und Bildungseinrichtungen maßgeblich.
Die Scholastik ist nicht auf eine bestimmte
philosophische Richtung oder Schule und deren Thesen begrenzt. Es handelt sich vielmehr um eine
Methode, deren Anwendung zu unterschiedlichsten Ergebnissen führen konnte und geführt hat. Das einzige, was allen Scholastikern gemeinsam war, ist die Anwendung der scholastischen Methode. Diese war damals die
einzige im Universitätsbetrieb als wissenschaftlich akzeptierte
Methode. Sie bestand in einer Weiterentwicklung der antiken
Dialektik, der Lehre vom richtigen (wissenschaftlich korrekten) Diskutieren.
Inhaltlich gingen die Meinungen der Scholastiker zu den diskutierten Fragen teilweise auseinander. Da die Methode vom Wissenschaftsverständnis und der Logik des
Aristoteles geprägt war und seine Schriften die wichtigsten
Lehrbücher waren, war der Einfluss dieses Philosophen sehr groß. Es gab unter den Scholastikern
aber auch Platoniker und Aristoteles-Kritiker. Im Prinzip konnte ein
Scholastiker jeden Standpunkt vertreten, wenn er ihn nur methodisch sauber begründete.
Praktisch wurde
aber erwartet, dass man auf die Lehren der Kirche
Rücksicht zu nehmen habe, was die Mehrheit der Scholastiker auch
tat.
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Ein rätselhaftes
Schlüsselerlebnis |
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Auf
väterlichen Wunsch beginnt Luther nach seiner Promotion
ohne rechte Begeisterung
ein Studium der Rechtswissenschaften. Doch am 2.
Juli 1505 wird er nach dem Besuch seiner Eltern in Mansfeld
auf dem Rückweg nach Erfurt bei Stotternheim
angeblich von
einem schweren Gewitter überrascht, erlebt Todesangst und ruft zur "Heiligen Anna", der
behaupteten Mutter Marias: "Heilige
Anna, hilf! Lässt Du mich leben, so will ich ein
Mönch
werden".
In der Bibel wird
Anna*) als Mutter Marias nicht erwähnt,
aber in einigen apokryphen Evangelien ist ihre
Geschichte zu lesen, die sehr dem Bericht der alttestamentlichen Hannah
ähnelt.
Anna und Joachim waren nach apokryphen
Evangelien des 2. bis 6. Jahrhunderts - erstmals im
Protoevangelium des Jakobus um 150 - die Eltern der Maria und
somit die Großeltern von Jesus.
Die legendäre Lebensgeschichte ist dem
alttestamentlichen Vorbild von Hanna und ihrem Sohn Samuel (1.
Samuel 1 - 2) nachgezeichnet: erst nach zwanzigjähriger kinderlose
Ehe gebar Anna die Maria. Nach der Legenda Aurea hatte die
betagte Anna nach Joachims Tod noch zwei weitere Ehemänner, deren
Namen mit Kleophas
und Salomas überliefert werden.
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Der Anna-Kult in
Europa |
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Der Anna-Kult
erreichte in Europa im späten
Mittelalter seinen Höhepunkt, als 1481 Papst Sixtus
IV. den Gedenktag der Anna in den römischen Kalender
aufnahm; 1584 bestimmte Papst Gregor XIII. ihren
Festtag. Seit 1500 liegen angebliche Reliquien von
Anna in Düren, weitere liegen in Wien und
anderen Städten. Wallfahrten gab es in
Annaberg in Niederösterreich, in
Nantes und Anne d'Aury in Frankreich. |
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"St. Anna war mein
Abgott" |
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Weshalb der junge Luther gerade zu ihr
dieses Gelübde ablegt und dann einen
kirchlichen Lebensweg einschlug, erklärt sich vielleicht
aus ihrer mittelalterlichen Beliebtheit.
Anna gilt als
Schutzpatronin gegen Gewitter. Um den Annatag
herum beginnen die sommerlichen Hundstage, die bis
in den August hinein andauern; diese Jahreszeit wird durch den
Aufgang des "Hundssterns", des Sirius
im Sternbild des großen Hundes bestimmt und zeichnet
sich durch große Hitze und damit einhergehende heftige Gewitter
aus. Daher wurde sie Schutzpatronin bei schweren Gewittern *).
Luther soll erklärt
haben: "Sankt Anna war mein Abgott" und rief die
Heilige auf jeder Wanderung zum Schutz vor Blitz und Donner an.
Es bleibt allerdings im Dunkeln,
inwieweit seine Familie oder er selbst
zu dieser "Heiligen" eine besondere spirituelle
Beziehung hat. Auch findet sich kein Annen-Patrozinium
in seinem Umkreis.
*) Sie gilt außerdem noch als
Schutzpatronin der Mütter und der Ehe, der Hausfrauen,
Hausangestellten, Witwen, Armen, Arbeiterinnen, Bergleute, Weber,
Schneider, Strumpfwirker, Spitzenklöppler, Knechte, Müller,
Krämer, Schiffer, Seiler, Tischler, Drechsler, Goldschmiede; der
Bergwerke; für eine glückliche Heirat, für Kindersegen und
glückliche Geburt, für Wiederauffinden verlorener Sachen und
Regen; gegen Fieber, Kopf-, Brust- und Bauchschmerzen, also eine
reichlich beschäftigte Dame :-). |
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Ein rätselhaftes
Schlüsselerlebnis |
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Jedenfalls tritt er am 17. Juli 1505 gegen
den Willen seines Vaters in das
Kloster der Augustinereremiten*) in Erfurt
ein.
Die
Augustiner-Eremiten (Ordo Eremitarum Sancti Augustini,
OESA) sind nach den Franziskanern, Dominikanern und Karmeliten der
vierte große Bettelorden des Spätmittelalters.
Der Orden wurde auf Betreiben der
päpstlichen Kurie am 9. April 1256 mit der päpstlichen Bulle
"Licet ecclesiae catholicae" von Papst Alexander IV. in
der „Großen Union“ aus zahlreichen norditalienischen
Mendikantenkongregationen (Bettelordensgemeinschaften)
gegründet.
Der Begriff Bettelorden (Mendikantenorden) bezeichnet Ordensgemeinschaften, die ihrer Regel zufolge
kein Eigentum besitzen dürfen, sondern der Armut verpflichtet sind. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt durch
Arbeit, Schenkungen und
Betteln.
Heute heißt der Orden offiziell Augustinerorden (OSA) - der
Namenszusatz "Eremiten" wurde 1963 vom Papst gestrichen.
Der Orden lebt von Anfang an nach der Regel des
Augustinus.
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"Wie kriege ich
einen gnädigen Gott?" |
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Hier übt er die
Ordensregeln in so vorbildlicher Strenge, so dass er
schon am 27. Februar 1507 - also knapp eineinhalb Jahre nach
seinem Eintritt ins Kloster - zum Priester geweiht
wird.
Trotz täglicher
Bußübungen (Fasten Geißelungen etc.) leidet Luther große Gewissensqualen.
Seine Hauptfrage ist: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?"
Diese Frage entzündet sich in ihm nicht so sehr an
Missständen der kirchlichen Praxis, sondern mehr am
Sakrament der Buße, deren Vorbedingung die
aufrichtige Reue aus Liebe zu Gott, nicht
Angst vor Gottes Bestrafung, und die Beichte
aller, auch der heimlichsten, einem
selbst unbewussten Sünden ist.
Luther nimmt diese
Forderungen sehr ernst und stürzt deshalb in einen
verzweifelten Seelenzustand darüber, ob er
diese Voraussetzung erfüllen könne oder aber mit
einer ungültigen Absolution ewige Verdammnis
auf sich ziehen würde. Er erfährt seine Unfähigkeit,
aus Liebe, nicht Angst, Gottes Forderungen zu
erfüllen, so dass er auch an der zugesagten Vergebung
zweifelt.
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Theologiestudium an
der klostereigenen Schule |
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Sein Beichtvater
Johann von Staupitz, der Generalvikar der
Kongregation, empfiehlt Luther daraufhin für ein
Theologiestudium und versetzt ihn dazu 1508 nach
Wittenberg.
In der
dortigen Klosterschule lernte er die Theologie
Ockhams
kennen, der Gottes Freiheit ebenso wie die
menschliche Willensfreiheit betont, dazu die
Kirchenväter, vor allem vermittelt durch die „Sentenzen“
des
Petrus Lombardus
und durch
Augustinus
von Hippo.
Ein Jahr darauf
promovierte er auch zum baccalarius biblicus
(Professor der Bibel), der Griechisch und Hebräisch beherrsche,
und hat nun neben Moralphilosophie auch biblische Fächer zu
lehren.
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Die Reise nach Rom |
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1510 reist
Luther nach Rom, um im Auftrag seines
Erfurter Konvents, in den er inzwischen zurückgekehrt war,
gegen die von den Oben befohlene Vereinigung der
"Strengen Observanten“ (eine radikale
Büßerpraxis und Askese praktizierende Form des Mönchtums) mit den liberaleren
Augustinerklöstern zu protestieren, und nicht wie vielfach
behauptet wird, um sich auf eine Pilgerreise zu begeben.
Er nimmt an einer
Generalbeichte teil und rutscht auf dem Bauch
die „Scala Sancta" - die "Heilige Treppe“ in der
Lateranbasilika hinauf, um Sündenvergebung für
sich und seine Verwandten zu erlangen.
Er zweifelte
also damals noch nicht an der römischen Bußpraxis,
ist aber massiv entsetzt über den Unernst
und Sittenverfall, die ihm in Rom begegnen.
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Luther wird
Staupitz´s
Nachfolger in
Wittenberg |
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1511 holt
Staupitz ihn erneut nach Wittenberg und
machte ihn 1512 als Doktor der Theologie zu seinem
Nachfolger.
Mit dem
thomistischen Gedanken, dass sein Gewissensleiden
von Gott selbst hervorgerufen sei, um
wahre Demut in ihm zu wecken, kann er Luthers Gewissensnot
lindern, aber nicht lösen. Dennoch hält ihre Freundschaft
bis zu Staupitz' Tod 1524 an.
In den
folgenden Jahren hielt Luther Vorlesungen über die Psalmen
und Paulusbriefe, von denen einige
Originalmanuskripte oder wörtliche Kopien
erhalten geblieben sind. Darin kann man seine Entwicklung zum
Bruch mit den römisch-katholischen Lehren im Detail
nachvollziehen.
Er folgt anfangs
noch dem Schema des „vierfachen Schriftsinns“ und
deutet das Alte Testament allegorisch auf
Christus. Dabei hält er sich an die überlieferte
Bibeldeutung des Ockhamismus, des
Neuplatonismus, der Mystik oder der „Devotio
moderna“, formt sie aber bereits auf den Glauben des
Einzelnen hin um.
Dessen
auswegloser Verlorenheit stellt er bereits die
unmittelbare Gnade Gottes gegenüber, noch ohne über
deren Vermittlung durch Kirche und Sakramente
nachzudenken.
Themen wie die Idee
des Papsttums oder die Idee der
Jungfrauengeburt spielten hier bezeichnenderweise noch
keine Rolle.
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Reformatorische Wende |
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In der
Lutherforschung ist umstritten, wann Luther die Gerechtigkeit Gottes
sola gratia
(allein aus Gnade) entdeckte. Von der Datierung der
Reformatorischen Entdeckung hängt nämlich ihre inhaltliche
Näherbestimmung und Bedeutung für die beginnende Reformation mit
ab.
In einer späteren
Eigenaussage beschrieb Luther diesen
Wendepunkt als unerwartete Erleuchtung, die er in
seinem Arbeitszimmer im Südturm des
Wittenberger Augustinerklosters erfahren habe. Manche
datieren dieses Turmerlebnis auf die Jahre 1511 bis
1513, andere um 1515 oder um 1518, wieder andere nehmen eine
allmähliche Entwicklung der reformatorischen
Wende an.
Unstrittig ist, dass
Luther sein Erlebnis als
große Befreiung empfand. In der einsamen Meditation
über den Bibelvers Röm 1,17
habe er plötzlich entdeckt, was er seit einem Jahrzehnt vergeblich
gesucht hatte. Dort liest er:
"Denn darin wird
offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem
Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht (Hab
2,4): Der Gerechte wird aus dem Glauben leben".
Dieser Bibelvers
führte früher oder später zu seinem neuen Schriftverständnis:
Gottes ewige Gerechtigkeit sei ein reines Gnadengeschenk, das dem
Mensch nur durch den Glauben an Jesus Christus gegeben werde.
Keinerlei Eigenleistung könne dieses Geschenk
erzwingen. Auch der
Glaube, das Annehmen der
zugeeigneten Gnade sei
kein
menschenmögliches Werk.
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Eine kunstvolle
Synergie zerbricht |
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Damit war für
Luther die gesamte mittelalterliche Theologie mit ihrer
kunstvollen Balance zwischen menschlichen Fähigkeiten und
göttlicher Offenbarung (Synergismus)
zerbrochen. Von nun an nahm er die Kirche zunehmend kritischer in
den Blick, die sich in all ihren Formen und Inhalten als
Vermittlungsanstalt der Gnade Gottes an den Menschen sah.
In der Römerbrief-Vorlesung
von 1515 liegt Luthers neues Verständnis der Rechtfertigung allein
aus Gnade Gottes bereits ausformuliert vor, wenn auch noch
vermischt mit Denkschemata Augustins und der Mystik von
Johannes Tauler *).
*)
Taulers Lehre steht in der Tradition des "Vaters" der christlichen Mystik
Dionysius Areopagita und wurde von
Meister Eckhart
beeinflusst, den er in seinen Predigten auch namentlich erwähnt.
Als weitere Quellen seines Denkens sind aber auch Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen und Mechthild von Magdeburg erkennbar.
Tauler geht es darum, seinen ZuhörerInnen den Weg zur Unio mystica, zur
Vereinigung der Seele mit Gott schon in diesem Leben, zu eröffnen. Voraussetzung dafür, dass dies überhaupt möglich ist, ist die Vorstellung eines
inneren quasi-göttlichen Kerns in der Seele. Dieser "Grund der Seele" (Meister Eckhart nennt den gleichen Sachverhalt
"Seelenfünklein") stamme nach Tauler direkt aus Gott und strebe zu ihm zurück.
Der
spirituelle Weg Taulers führt über eine intensive Leidens- und Christusfrömmigkeit zu einem allmählichen
"Leerwerden" der Seele von allen "Bildern". Dies ermöglicht dann die
Erfahrung der Gottesfülle, die "Unio". Bevor diese jedoch eintritt, muss der Gottsucher erst noch eine Phase innerer Gottverlassenheit
durchleiden, in der ihm alle spirituellen Tröstungen entzogen sind.
Taulers Gottesbild ist durch zwei Aspekte bestimmt: Auf der einen Seite ist die durch
(Pseudo-)Dionysius Areopagita und auch Augustinus vermittelte neuplatonische Tradition wichtig: Gottes Sein geht über alle Begrifflichkeit hinaus, er ist viel mehr, als wir aussagen können, man kann ihn eigentlich noch nicht einmal als seiend bezeichnen, noch viel weniger allerdings als nicht-seiend. Gott ist das
"ungeschaffene Nichts", das nur im "geschaffenen Nichts" des "Seelengrundes" unmittelbar erfahren werden kann.
Auf der anderen Seite ist
Gott für Tauler aber in Jesus Christus präsent und kann und muss hier mittelbar erfahren werden. Eine unmittelbare Erfahrung des
"bildlosen Gottes" ist denkbar und anstrebenswert, darf aber nicht losgelöst
von der Christusnachfolge gesucht werden, sondern ist nur zusätzlich als
letzte Stufe des inneren spirituellen Weges gnadenhaft erreichbar.
Neben den eigentlichen mystischen Aspekten werden in den Predigten auch zahlreiche andere Seiten des religiösen Lebens thematisiert, so setzt sich
Tauler etwa für die religiöse Aufwertung der Nichtgeistlichen und ihrer weltlichen Arbeit ein.
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Die "Theologia
Deutsch" |
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1516 veröffentlicht
Luther zudem die
Theologia deutsch*),
das Werk eines unbekannten Mystikers (genannt
"Der Frankfurter“),
das ihn in seiner wachsenden Ablehnung äußerlicher kirchlicher
Riten mehr und mehr bestärkte.
*) Die Theologia Deutsch (auch: "Der Frankfurter") ist eine deutschsprachige mystische Schrift des 14. Jahrhunderts, die vermutlich von einem namentlich unbekannten
Deutschordenspriester der Kommende im Frankfurter Stadtteil
Sachsenhausen verfasst wurde.
Der Name geht auf Martin Luther zurück, der die Schrift unter dem Titel
"Eyn deutsch Theologia" zum ersten Mal im Druck herausgab, zunächst 1516 aufgrund einer
unvollständigen Handschrift, dann 1518 als vollständiger Text. Mit diesem Titel und der von ihm verfassten Vorrede stellte der Reformator diese Schrift gegen die
lateinische Scholastik und beanspruchte für das Deutsche eine dem
Lateinischen, Griechischen und Hebräischen ebenbürtige theologische Ausdrucksfähigkeit. Dies entspricht
aber vermutlich nicht den eigenen Intentionen des Verfassers, da er die Deutschsprachigkeit seines Werks nicht thematisiert.
"Der
Frankfurter"
wurde mehrfach zusammen mit Predigten Johannes Taulers überliefert und steht auch inhaltlich in der Tradition der Deutschen Mystik, deren höchstes Ziel die
"Vergottung" des Menschen bzw. die Vereinigung der Seele mit Gott ("Unio Mystica") schon im
Diesseits ist. Dabei legt die Theologie besonderen Wert darauf, sich von der häretischen Mystik der
"freien Geister" abzugrenzen und betont daher die Notwendigkeit des Gehorsams und die Bedeutung
Jesu Christi für das menschliche
Heil.
Im Mittelalter war die Schrift nicht sehr weit verbreitet, und ist nur in acht, zum Teil unvollständigen Handschriften überliefert. In der Neuzeit dagegen führte die Herausgabe und Hochschätzung des Textes durch Luther zu bis heute zahlreichen Neuauflagen, die das anhaltende Interesse an der "Theologie" dokumentieren.
Mit der Änderung
seines Nachnamens von Luder zu Luther
– nach dem
griechischen Wort ελευθερός
(eleutheros: „Befreiter“, „frei“) –
signalisierte er seit 1517 auch äußerlich seine innere
Verwandlung.
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Martin Luther, gemalt von
Lucas Cranach d. Ä.

Luthers Taufstein in der
Pfarrkirche von Eisenach

Luthers Vater Hans Luder

Lutherhaus
in Eisleben

Die heutige
Domschule
in Magdeburg

"Bruder vom gemeinsamen Leben" mit "Gugel-"
(Kugel)
Kopfbedeckung

Kloster und
"Kugelkirche"
in Magdeburg

Thomas v. Kempen mit
der "Gugel" auf dem Kopf

Der alte Hörsaal in der
Universität Erfurt

Hl. Anna:
Griechisches Mosaik in der Kirche Nea Moni auf Chios, 11. Jahrhundert

Das
Augustiner-Eremitenkloster in Erfurt

Anna mit ihren angeblichen
drei Ehemännern
(Tilman Riemenschneider)

Luther mit Tonsur

William of Ockham

Donikianerkloster Köln,
wo Joh. Tauler wirkte

Johann v. Staupitz,
Luthers Freund und Vorgesetzter

Das sogenannte
"Turmerlebnis"
im Lutherfilm
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