Die Kirchenmusik-Instrumente der Evangelischen

   Gemeinde A. B. in Spittal                                                       1

 

 

Die "Orgel für kleine Leute"  

Von Anfang an war der Wunsch nach einer musikalischen Begleitung der Gottesdienste unter den Gemeindegliedern sehr groß. Für die Anschaffung eines Instrumentes wurde die Gesamtgemeinde ersucht, bei der Finanzierung mitzuhelfen, was einstimmig gewährt wurde.

Das erste Instrument für unsere Kirche war ein Harmonium, das die Gemeinde (besonders durch Hilfe eines Privat-Darlehens von Hrn. M. Platzer) 1902 anschaffen konnte. Es handelte sich dabei um ein Instrument der Fa. Excelsior Instruments aus Kanada, Modell Nr. 5, ein Gebrauchtinstrument und von Anfang an auch reparaturbedürftig. Es stammte aus einem Privathaushalt und war als Salonmusik-Instrument verwendet worden. Der Zahn der Zeit und fleißige Benützung hatten ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen.

1909 wurde es in einer Kiste verpackt per Bahn an die Fa. Cottage Organ- und Harmoniumfabrik (Inhaber Rudolf Pajkr & Co.) in Königgrätz geschickt und dort generalüberholt. Es wurde überpoliert, Wachsreste und Wasserflecken entfernt die Mechanik neu eingerichtet, intoniert, fein gestimmt und wieder verpackt.

Nach einigem Hin und Her und etlichen Missverständnissen wurde es am 19. 6. 1909 mit Bahnfracht wieder zurückgesandt.  Die Reparaturkosten betrugen 110 Kronen, die Fracht dagegen fast 220 Kronen... Dieses Instrument hat danach viele Jahre seinen Dienst in den Gottesdiensten versehen.

 
       
Orgel statt Glocken   Gegen Ende des I. Weltkriegs wurden die beiden größeren Glocken des Geläutes vom Kriegsministerium eingezogen. Nur eine kleine Notglocke verblieb der Gemeinde. Eine Vergütung dafür und spätere Spenden wurden einem Glockenfonds zugeführt.

Dieser Fonds wurde lt. Gemeindevertretungsbeschluss vom 29. 6. 1924 zur Anzahlung einer ersten "richtigen" Orgel verwendet. Das Harmonium war in die Jahre gekommen und der Zustand des Instruments hätte einen komplett neuen Blasebalg und eine umfassende Sanierung notwendig gemacht.

Nach längerer Diskussion in verschiedenen Gremien beschloss die Pfarrgemeinde daher 1924, verschiedene Orgelbaufirmen um entsprechende Vorschläge und Angebote für eine Orgel anzuschreiben.

 
       
Die ersten Angebote treffen ein  

In der Folge kam es zu sehr unterschiedlichen Angeboten von bekannten und weniger bekannten Firmen, aber auch Privatpersonen meldeten sich und empfahlen die eine oder andere Firma.

So kamen Offerte der Fa. Mauracher aus Salzburg-Parsch, der Fa. "Cäcilia" Österr. Orgelbau-AG mit Werkstätten in Salzburg-Parsch,  Salzburg-Gnigl und Klosterneuburg, der Fa. Rieger Orgelbau aus Jägerndorf (Schlesien) und der Fa. Anton Behmann, einer Orgelbaufirma aus Schwarzach (Vorarlberg).

 Das Projekt der Fa. Behmann gefiel am besten, auch war es im finanziell leistbaren Rahmen. Dem Trend dieser Zeit folgend bekam die Fa. Anton Behmann  den Auftrag, eine Orgel mit pneumatischer Spiel- und Registertraktur zu bauen. Albert Schweitzer - nicht nur Urwaldarzt und Theologe, sondern auch ein erstklassiger Organist und Musikwissenschafter - kritisierte diese Orgelbauweise allerdings als "so delikat wie eine elektrische Türklingel"

Die Gesamtkosten betrugen 7.150 Goldkronen. Nach Umwidmung der Gelder aus dem Orgelfonds wurde das dort gesammelte Geld für die Anzahlung verwendet, der Restbetrag wurde in Teilbeträgen bis 1932(!) mit 6% Jahreszinsen beglichen.

 
       
Ein "Amerikaner" in Spittal...   Es handelte sich dabei um eine Orgel mit einem offenen Prospekt ohne Oberkasten (ein so genannter "amerikanischer" Prospekt - wobei "Prospekt" den von außen sichtbaren Teil der Orgel meint). Im Untergehäuse waren neben den anderen Registerpfeifen auch die Jalousien für das Schwellwerk untergebracht.

Die pneumatische Traktur war mit Luftröhren aus vernickelten Bleirohren von 6mm, die der Register mit Bleiröhren von 8mm Durchmesser vom Spieltisch aus mit den Windladen verbunden.

 
       
       
    Das Werk umfasste 14 Register, die lt. Angebot vom 3. 12. 1924 wie folgt aufgeteilt waren:  
       
Die Disposition des neuen Instruments  

9

5

2

1

10

 

1

1

  klingende Register

Transmissionsregister

Manuale zu 56 Tönen

Pedal zu 27 Tönen nebst

Nebenzüge (5 Koppeln und 4 feste Kombinationen)

zusammen eine Gesamtkraft von 14 Registern

Schwelltritt

elektrisches Gebläse

 
       
    Die Register wurden durch Kippschalter oberhalb der Manuale freigegeben. Dir Orgel wies pneumatische Kegelladen und Zwillingsladen auf.  
       
(K)ein Werk für die Ewigkeit  

Hatte man anfangs die Hoffnung, ein Instrument "für die Ewigkeit" (Aussage der Orgelbaufirma) erworben zu haben, wurde die Pfarrgemeinde sehr bald eines Besseren belehrt. Leider wies diese Orgel schon 1950 so eklatante Mängel auf, dass eine Sanierung oder Erneuerung in nächster Zeit ins Auge gefasst werden musste und unumgänglich erschien.

 
       
Rasche Reparatur-

bedürftigkeit

  Die Luftleitungen von den Tasten und Registerzügen zum Windkasten waren aus Blei gefertigt und wurden in relativ kurzer Zeit (trotz der Verzinkung) undicht. Zu dieser Zeit existierte die Orgelbaufirma Behmann aber leider längst nicht mehr.  
       
Renovierung oder Umbau?   Im Jahre 1956 schließlich werden die Mängel so stark hörbar, dass man sich ernstlich mit der Renovierung oder Umbau befassen musste. Es ging dabei hauptsächlich um die Frage, ob eine Sanierung oder ein Umbau überhaupt sinnvoll sei, da man das Ergebnis nicht abschätzen konnte.  
       
Vernichtendes Urteil eines Fachmannes   Um eine Entscheidungsgrundlage zu haben, beauftragte man einen Sachverständigen aus Klagenfurt, den Orgelbaumeister Rudolf Nowak, der zu folgendem Ergebnis kam:

Eine Sanierung oder ein möglicher Umbau ist sehr schwierig und scheint nur eine Lösung auf Zeit zu sein. Er bezifferte nach einer ersten oberflächlichen Untersuchung die Reparaturkosten auf ca. ATS 30.000,-; nach nochmaliger eingehender Prüfung nach 2 Jahren schrieb er, es handle sich bei der bestehenden Orgel um ein Zwillingssystem, das vor allem in der Funktion immer wieder Mängel aufweisen werde.

Diese Fehler seien infolge der schlechten Zugänglichkeit und der etwas verworrenen Art der Konstruktion niemals absolut verlässlich behebbar.

Das verwendete Material sei von schlechter Qualität, die Belederungen der Windladen undicht und mit minderwertigem altem Leder ausgeführt, das schon nach kurzer Zeit brüchig gewesen sein musste.

Er müsse die zuerst veranschlagten Kosten auf ATS 71.000,- nach oben revidieren, da er einen vollständigen Umbau unter Reduzierung auf die tatsächlich noch klingenden Stimmen (also auf 9 Register) vornehmen müsse.

 
       
Schwierige Finanzierung   Diese Diskussion geht noch einige Jahre so weiter. 1964 diskutierte man im Presbyterium noch immer darüber, ob es eine konventionelle Pfeifenorgel, eine Pfeifenorgel mit pneumatischer Traktur und pneumatischen Registersetzern oder eine elektronische Orgel sein soll.

Als Hauptproblem stellte sich aber die Finanzierung heraus. Die evangelische Pfarrgemeinde Spittal ist zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage, ein neues Instrument zu finanzieren. Es werden verschiedene Fachleute gehört und deren Vorschläge diskutiert.

 
       
Elektronik zieht ein   Erst 1972 ist es soweit: Nach langen Überlegungen entschließt sich der mit oberkirchenrätlicher Genehmigung am 15. 3. 1962 zwecks Anschaffung und Finanzierung einer neuen Orgel gegründete Orgelbauverein der evang. Pfarrgemeinde Spittal zur Anschaffung einer elektronischen Kirchenorgel.  
       
Bewährtes und Kurioses   Es folgt ein langwieriges Auswahlverfahren, das neben Angeboten von bekannten Firmen wie Farfisa, Ballata, Hohner oder G.E.M. und deren bewährten elektronischen Methoden zur Tonerzeugung auch manch kurioses zu bieten hat.

So offeriert die Firma Steinway & Sons eine Dereux-Orgel, die über keinen originalen Orgelklang verfügt, sondern elektromagnetisch aufgezeichnete Schwingungskurven von Orgelregistern in der Art eines Tonbandes aufnimmt. Der Ton wurde im Druckverfahren mit einer Silbermetall-Legierung auf Bakelitscheiben aufgebracht, später verwendetet man dazu Magnetbänder.

Die Registermischungen erwiesen sich als unbefriedigend und es entstand kein Raumklang. (Dieser bestimmt gut gemeinte Tipp kam übrigens vom evang. Pfarramt Leibnitz :-)

Eine Dereux-Orgel kann man übrigens im EBOARDMUSEUM EUROPE AUSTRIA in A-9020 Klagenfurt, Florian-Gröger-Straße 20 bewundern

 
       
   
 
     

Eine der letzten Dereux-Orgeln findet man

im "E-board Museum" in Klagenfurt

 

Ein Blick in das Innere der Dereux-Orgel mit den Verkabelungen

 
       
Finanzielle Gründe bestimmen die Entscheidung   Schließlich fällt die Entscheidung zu Gunsten einer Elektronenorgel der Fa. Ahlborn aus Stuttgart, und zwar das Modell C 25 mit 2 Manualen zu je 30 Tasten zum Preis von DM 15.900,- (ATS 116.000.-)

Bestellt wird dieses Instrument über die Fa. Ignaz Stingl, Klaviererzeugung aus Wien.

 Die Entscheidung für eine elektronische Orgel erfolgte nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, aber der Zeitgeschmack spielte dabei sicher auch eine wesentliche Rolle.

Die alte Orgel wurde abgebaut und deren weiterer Verbleib ist bis heute ungeklärt.

 
       
Die Finanz- und Zollbehörden zeigen sich gnädig   Das Gesuch um steuerfreien und zollfreien Import des Instrumentes wird von den zuständigen Behörden wohlwollend genehmigt, so dass dieses Instrument 8 Wochen später aufgestellt werden kann und zum ersten mal im September seine Stimme im Gottesdienst erhebt. Der Orgelbauverein übergibt am 24. Juli 1972 auf dem Geschenksweg die neue Orgel an die Pfarrgemeinde.

Dieses Instrument findet breite Zustimmung in der Gemeinde, und erbetene Empfehlungsschreiben an die Lieferfirma werden gern verfasst und der Lieferfirma zur Verfügung gestellt.

 
       
Auch das "Elektro-Harmonium" kommt bald in die Jahre   Leider kam auch dieses Instrument bald in die Jahre, und schon 1985 waren deutliche Qualitätsmängel zu hören und einige Register nicht mehr spielbar.

Die elektronische Orgel (von vielen spöttisch "Elektro-Harmonium" genannt) und der dazu gehörige Tonkasten mussten umfassend repariert und viele Teile erneuert werden, was aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass man sich demnächst wieder mit der möglichen Neuanschaffung eines Instrumentes befassen musste.

 
       

Ein

bemerkenswerter Verschleiß an Instrumenten

  Der Erfolg dieser umfassenden Generalreparatur war nicht von langer Dauer. 1991 wurde wieder einmal der schlechte Zustand der Orgel kritisiert. Eine neuerliche Sanierung oder auch die Neuanschaffung eines völlig neuen Instruments wurde angedacht und viel diskutiert. Es sollte aber noch im gleichen Jahr eine wichtige Entscheidung fallen. Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.  

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Briefkopf der Fa.

Pajkar aus Königgrätz

 

Ein typisches

Harmonium von 1879

 

Eine so genannte "Übungsorgel"  der Fa. Mauracher aus Salzburg

 

Briefkopf der Orgelbaufirma Behmann aus Schwarzach (Vbg.)

 

Der Prospekt als Zeichnung,

ein "Amerikanischer

Prospekt"

 

Albert Schweitzer,

Theologe, Urwaldarzt und Musikwissenschafter

 

Der Schrecken jedes Organisten, das

"Hohner Clavinet"

 

Die Tonerzeugung in der Dereux-Orgel

(E-board Museum

 Klagenfurt)

 

RMI, Farfisa, G.E.M.

und Roland in ähnlicher Bauweise

 

Die elektronische

Ahlborn-Orgel C25

 

Unterseiten:

Geschichte unserer Orgeln 1

Geschichte unserer Orgeln 2

Geschichte unserer Orgeln 3