Das historische Umfeld und die Voraussetzungen

    der "Los-von-Rom-Bewegung"

 

 

Landläufiges Verständnis

 

Im allgemeinen versteht man unter dem Begriff "Los von Rom" eine "romfeindliche Bewegung am Ende des 19. Jhdts.", die das Ziel verfolgte, "Österreich vom undeutschen Katholizismus zu trennen und den Übertritt zum Protestantismus bzw. zum Altkatholizismus" zu bewirken. Oft wird auch die Meinung vertreten, diese Bewegung endet mit dem Jahr 1945. Diese Meinungen und Aussagen sind allerdings etwas differenzierter zu betrachten.

 

 

 

 

 

Tatsächliche Eingrenzung

 

Der Beginn dieser Bewegung fällt historisch präzise auf das Jahr 1897 und war eine gesellschaftspolitische und kirchliche Strömung in der zu Ende gehenden Habsburger Monarchie. Es hat zwar bis 1945 weitere Aus- und Übertrittswellen gegeben haben (z. B. in der Zwischenkriegszeit, aber auch im Ständestaat, der stets in der Nähe der katholischen Kirche angesiedelt war). Die eigentliche "Los-von-Rom-Bewegung" muss man aber zeitlich auf 1897 bis 1910 eingrenzen.

 

 

 

 

 

Geschichtlicher

Kontext

 

Um diese Bewegung richtig zu verstehen, muss man sich ein wenig das historische Umfeld in Erinnerung rufen:

 

 

 

 

 

Königgrätz und seine Folgen

 

Als am 3. Juli 1866 in Königgrätz die Habsburger Monarchie gegen Preußen in einem deutsch-deutschen Krieg verlor, hatte das beträchtliche Gebietsverluste Österreichs und eine immense Wirtschaftskrise zur Folge. Dies nutzten die Ungarn für einen von ihnen ersehnten "Ausgleich". Ab 1867 war das Habsburger Reich dann eine österreichisch-ungarische Monarchie.

 

 

 

 

 

Aus für den "Deutschen Bund"

 

Und auch der "Deutsche Bund" löste sich aufgrund der Folgen der Schlacht von Königgrätz auf. Dieser war ja 1806 nach dem Ende des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" und dem Untergang der napoleonischen Herrschaft in Europa auf dem Wiener Kongress aus 35 Fürstenstaaten und 4 freien Städten unter Fürst Klemens von Metternich gebildet worden.

Mit dabei waren bei diesem "Deutschen Bund" auch Österreich und Preußen, die beiden stärksten Mächte in diesem Bündnis. Österreich führte sogar den Vorsitz in Frankfurt/Main, wo der Bundestag seinen Sitz hatte. Daraus entstand eine Konkurrenz mit Preußen, die schließlich in einem von Fürst Otto von Bismarck provozierten Krieg und damit zu Königgrätz führte

 

 

 

 

 

Die Großdeutsche Idee

 

Georg Ritter von Schönerer, der diesen Zusammenbruch des Deutschen Bundes und das Ausscheiden Österreichs als Schmach empfand, hatte - wie viele ähnlich Gesinnte - noch immer die Hoffnung auf ein vereintes Reich aller deutschen Staaten unter Einschluss von Österreich (die so genannte "großdeutsche Lösung") und empfand diesen damaligen Zustand als beschämend, überhaupt nicht endgültig und hoffte auf eine Restauration.

 

 

 

 

 

Ein fatales Dogma

 

Dazu kam am 18. Juli 1870 die Verkündigung eines kirchliches Dogmas, das die christliche Welt in Aufregung und Spaltungen verwickelte. Während des I. Vatikanischen Konzils kam es zur Diskussion über die so genannte "Päpstliche Unfehlbarkeit in Lehrfragen". Durch den Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges reisten die deutschen Bischöfe nach Hause und wurden kurze Zeit später mit der Verkündigung dieses Dogmas durch Pius IX. konfrontiert. Darin heißt es u. a.:

 

 

 

 

 

Pius IX. und die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen

 

"Wenn der römische Bischof in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, d. h. wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten seien von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er auf Grund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- oder Sittenfragen ausgerüstet haben wollte".

 

 

 

 

 

Ignaz Döllinger und die Entstehung der Altkatholischen Kirche

 

Nicht nur unter den römischen Christen, sondern in der gesamten Weltöffentlichkeit wurde dieses Dogma heftig kritisiert und bedauert.

"Nun ist sie (die römische Kirche) nicht mehr die Alte Kirche!" So äußerte sich der röm.-kath. Theologe Ignaz Döllinger in München, nachdem er von diesem Dogma erfuhr. Wie viele andere Katholiken konnte er diese Entscheidung nicht akzeptieren und gab damit der sich neu bildenden  Altkatholischen Kirche ihre theologische Grundlage.

 

 

 

 

 

Die Utrechter Union

 

Im gesamten deutschsprachigen Raum war eine starke antivatikanische Strömung festzustellen. 1889 hatten sich mehrere von Rom unabhängige Bistümer in Europa und Nordamerika zur "Utrechter Union" zusammengeschlossen. Auch die österreichische Altkatholische Kirche war hier integriert. Eine weitere Kirche also neben der Evang. Kirche A. und H. B. war jetzt vorhanden. Wenige Jahre später wurde über die Evang. Kirche gesagt, dass eine Mitgliedschaft in ihr "romfrei" mache.

 

 

 

 

 

Ein deutscher Kaiser

 

Als 1867 der Norddeutsche Bund unter Führung Preußens entstand und im Juli 1870 der deutsch-französische Krieg ausbrach, machte sich schnell eine Woge der Begeisterung auch in den süddeutschen Staaten bemerkbar. Und noch vor dem Waffenstillstand Ende Januar 1871 kam es im selben Monat im Spiegelsaal von Versailles zur Ausrufung des preußischen Königs Wilhelm I. zum deutschen Kaiser.

 

 

 

 

 

Ein Deutsches Reich

 

Das Deutsche Reich hatte sich damit gegründet, und die kleindeutsche Lösung hatte sich bei der Gründung durchgesetzt.

 

       
Der "Kanzelparagraph" Bismarcks   Bismarck versuchte, einen "Kulturkampf" zwischen dem neuen Staat und der röm.-kath. Kirche anzuzetteln (dazu erließ er den so genannten "Kanzelparagraphen", der es Geistlichen verbot, im Amt Staatsangelegenheiten in friedensgefährdender Weise zu behandeln und sie mit Bestrafung rechnen mussten, wenn sie dagegen verstießen). Er wollte sich wohl die innerkatholische Krise wegen dieses Dogmas zunutze machen.  

 

 

 

 

Auf Zusammenarbeit mit kath. Abgeordneten

angewiesen

 

Aber 1878 wird dieser Kulturkampf plötzlich eingestellt, denn Bismarck war im Parlament jetzt auf die Stimmen der röm.-kath. Zentrumspartei angewiesen und sein Kulturkampf ist daher als gescheitert zu bezeichnen.

 

 

 

 

 

Die Badeni-Krise als Auslöser der "Los-von-Rom-Bewegung"

 

 

Während das Deutsche Reich kaum Nationalitätenprobleme hatte, konnte man solches von der österreichisch-ungarischen Monarchie nicht behaupten. Durch den Ausgleich Ungarns witterten auch andere Nationen Morgenluft. Mitten hinein platzt dann ein Erlass des Kasimir Felix Graf Badeni, seit 1895 österreichischer Ministerpräsident und Innenminister. Er erlässt eine Sprachenverordnung, die den Nationalitätenkonflikt beilegen soll. Sein Erlass bestimmte, dass "für den inneren und äußeren Dienstgebrauch im Zivilbehördenverkehr die deutsche der tschechischen Sprache gleichzusetzen sei".

 

       
"Cisleithanien"   Diese Verordnung stiftete das genaue Gegenteil von dem, was sie bewirken sollte, es kam zum Aufruhr unter den deutsch-national eingestellten BürgerInnen "Cisleithaniens" *). Und dieser Unmut richtete sich besonders gegen die röm.-kath. Kirche, vermutlich weil viele tschechisch gesinnte Pfarrer deutsche Pfarren betreuen mussten, deren Angehörige sich aber einer gesamten "deutschen Nation" angehörig fühlten. So ging diese Verordnung von Graf Badeni als "Badeni-Krise" und die darauf folgenden politischen Hetzreden und tätlichen Auseinandersetzungen als Auslöser der "Los-von-Rom-Bewegung" in die Geschichtsbücher ein.  

 

 

 

 

Tätliche und verbale Auseinandersetzungen im Parlament

 

Wie massiv im politischen Bereich die Auseinadersetzungen um diese Verordnung geführt wurden, zeigt wohl folgende Anmerkung aus dem  "Wiener Journal" (der späteren "Wiener Zeitung") vom 12. November 1897:

 

       
Ein Parlamentarier wandert in den Kerker  

"Die Arbeit im Hohen Haus in Wien ist von April bis November 1897 wie gelähmt gewesen. Unruhen und Tumulte führten zu unvorstellbaren Szenen unter den Parlamentariern. Einer von ihnen, der Alldeutsche Abgeordnete K. H. Wolf, musste sogar wegen derber Ausfälligkeiten und Beschimpfungen unserer Allerhöchsten  Kaiserlichen und Apostolischen Majestät direkt vom Abgeordnetenhaus in das Landesgericht abgeführt werden".

 

Es ist wohl leicht vorstellbar, wie schwierig es für alldeutsch gesinnte Österreicher sein musste, ihrer Überzeugung UND dem Kaiser treu zu bleiben...

 

 

 

 

 

Krieg als Identitätsstifter  

Der vier Jahre nach dem Abebben der "Los-von-Rom-Bewegung" ausbrechende Weltkrieg erleichterte den Umgang mit diesen nationalen Fragen wohl auf schreckliche und fragwürdige Weise, da er identitätsstiftend wirkte. Denn beide Völker zogen mit großer Begeisterung gemeinsam in einen Krieg, der noch unsägliches Leid und Grauen mit sich bringen sollte.

Vor diesem Hintergrund muss man sich also jenes politisch-kirchliche Geschehen vorstellen,

das man heute als "Los-von-Rom-Bewegung" kennt, die auf der folgenden Seite genauer dargestellt wird.

 
       
   
 
       

 

 

*) Cisleithanien (lat. „Land diesseits der Leitha")

war nach 1867 die umgangssprachliche Bezeichnung für den westlichen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, der bis 1915 keinen richtigen Namen hatte. Die Bezeichnungen leitete sich vom Fluss Leitha her, der streckenweise die Grenze zwischen dem cisleithanischen Niederösterreich und Ungarn bildete

 

 

Kaiser Franz Joseph

 

Die Schlacht von

Königgrätz

 

Kronprinz

Friedrich v. Preußen

 

Fürst Metternich

 

Otto von  Bismarck

 

Das  Vatlikanische

Konzil

 

 

Pius IX.

 

Ignaz Döllinger

 

Graf Kasimir Badeni

 

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