Die "Los-von-Rom-Bewegung" und ihre

    Auswirkung auf die evang. Pfarrgemeinde Spittal 2

 

 

Keine "Los-von-Rom"-Gründung

 

Die Zahl der Übertritte in Oberkärnten hielt sich in Grenzen, so dass man nicht sagen kann, dass die evangelische Gemeinde in Spittal eine "Los-von-Rom"-Gründung ist. Ein wachsendes Interesse an der Gründung einer evang. Pfarrgemeinde in Spittal wird ja schon Mitte des 19. Jhdts. deutlich.

Der Zuzug vieler Arbeiter aus Deutschland und Italien brachte allerdings ein verändertes Klima im religiösen und gesellschaftlichen Bereich mit sich.

 

 

 

 

 

Übertritte erst im Ständestaat signifikant

 

Einen sprunghaften Anstieg von Neueintritten und Übertritten (vorwiegend aus der röm.-kath. Kirche) ist erst mit Beginn des Ständestaates in Österreich und später nach 1945 in den Pfarrgemeinden Unterhaus und Spittal festzustellen.

 

 

 

 

 

Rasches Bevölkerungswachstum durch die Tauernbahn

 

Durch den starken Zuzug von Arbeitskräften für die Tauernbahn stieg die Zahl der Bevölkerung um beinahe das Doppelte, nämlich von 2.562 auf 4.397 Einwohner. Der Markt setzte große Erwartungen in die neue Bahnlinie, und man betrachtete die Zukunft äußerst euphorisch. Man ging von der Annahme aus, dass ein ´Fremdenstrom aus der ganzen Welt´ einsetzen werde.

 

 

 

 

 

 

Kaiser Franz-Josef eröffnet die Tauernbahn

 

Im Oktober 1905 wurde die neu errichtete Tauernbahn von Kaiser Franz Joseph I. feierlich ihrer Bestimmung übergeben. Die Bahnstrecke führte von Spittal durch den Tauerntunnel nach Bad Gastein in Salzburg.

 

 

 

 

 

 

Ein Glasfenster als Zeitzeuge

 

In der Mitte der Apsis der Luther-Kirche in Spittal befindet sich ein Glasbild mit einer Christus-Darstellung, das folgende Widmung trägt: "Gewidmet von Familie Schacht, Berlin und Spittal". Hierbei handelt es sich um die Familie des Vikars Julius Schacht, einer jener reichsdeutschen Vikare, der vom "Evangelischen Bund" nach Österreich geschickt wurde. Er hatte in Berlin, Tübingen und Straßburg studiert. Man schickte ihn nach Österreich und hier wurde er vom "Deutschen Bund" auch finanziell unterstützt.

 

 

 

 

 

Unterstützung durch den "Evangelischen Bund"

 

So findet sich folgende - von Julius Schacht selber verfasste Notiz - im Gemeindearchiv der evang. Pfarrgemeinde Spittal:

"Evangelische Filialgemeinde Spittal a. d. Drau: Unterstützung durch den G. A. Verein: vom 1. 1. bis 1. 8. 06 278,- Kr. (Absatz) Evang. Bund; Vikar Schacht: 2800,- Kr."

 

 

 

 

 

Ein "Personalvicar" für den Pfarrer von Unterhaus wird nach Spittal entsandt

 

Als die Gemeindevertretung der evang. Kirchengemeinde Unterhaus sich am 23. Februar 1902 damit einverstanden erklärte, "dass ihr Pfarrer Georg Buchacher sich einen Personalvicar berufe", musste diese Berufung durch den Oberkirchenrat bestätigt werden. Diese Bestätigung erfolgte zwei Monate später. Im Berufungsschreiben erinnerte der Oberkirchenrat den jungen Vikar an die Loyalität der evang. Kirche Österreichs dem Kaiser und dem Gesamtstaat gegenüber.

 

 

 

 

 

Festansprache als Programm

 

In Vikar Schachts Festansprache anlässlich der Grundsteinlegung zur Spittaler Kirche am 15. November 1908 ist einiges von seinem Denken erkennbar. Dort sagte er unter anderem:

"Wir wissen aus der ganzen Geschichte, aus der Geschichte des Evangeliums in Österreich, auch in Kärnten, wie schwer es ist, sich eine selbständige, tiefgründige Lebensauffassung zu erwerben und zur Vollendung zu bilden, wo so vieles gelockt hat und lockt über die Berge gen Süden [gemeint ist damit Rom] stille zu halten, sich zu fügen, Machtansprüche über die Seele anzuerkennen und ihnen nachzugeben, die wir unmöglich anerkennen können. Es ginge wider die Stimme Gottes in unserem Gewissen, es wäre Sünde!"

 

 

 

 

 

Gegen

Ultramontanismus

 

 

Man muss natürlich berücksichtigen, dass Julius Schacht im Deutschland des Kulturkampfes aufgewachsen ist. In guter "Los-von-Rom"-Tradition findet er hier deutliche Worte gegen den *) Ultramontanismus und die Machtansprüche, die "über die Berge gen Süden" (nach Rom) locken.

 

 

 

 

 

Kirchenraum und Unterrichtszimmer

 

In seiner Beschreibung des Bauvorhabens betont Schacht, dass sich an den Kirchenraum ein Unterrichtszimmer anschließe. Damit soll "bewusst gemacht werden, dass Glaube und Wissen nicht gegeneinander stehen, sondern Christen allzeit bereit sein sollen zur Verantwortung gegenüber Jedermann, der den Grund ihrer Hoffnung wissen will" - ein offenes Wort gegen Roms seinerzeitigen Antimodernismus.

 

 

 

 

 

Deutsche Muttersprache in echt völkischem Sinne pflegen

 

Etwas weiter macht er seine deutschnationale Gesinnung noch deutlicher:

"Und weiter soll das Unterrichtszimmer zeigen, dass die Evangelische Gemeinde schon bei den Kindern unsere teure, deutsche Muttersprache in echt völkischem Sinne pflegt, denn christlicher Glaube und völkische Gesinnung schließen sich nicht aus, vielmehr sind sie einen engen Bund eingegangen, hat man doch immer schon gesagt, dass der evangelische Glaube die germanische Ausprägung des Christentums ist".

 

 

 

 

 

Weggang nach Graz

 

Es hält ihn aber nicht lange in Spittal. Schon 2 Jahre nach der Vollendung der Kirche (1909) wechselt er an die Heilandskirche nach Graz. Seinem Nachfolger, Vikar W. Täuber, schreibt er in einem Brief alles, was dieser zu beachten und zu wissen habe. Hier ein kurzes Zutat aus diesem Schreiben:

 

 

 

 

 

Tipps an den Nachfolger

 

"Je ruhiger Sie auftreten, desto mehr haben Sie die Achtung der Gemeinde und Bevölkerung. Mit "Los-von-Rom" ist in Kärnten nichts zu machen, mit dem lauten, sondern nur mit der stillen Arbeit... Gut ist es, wenn Sie den völkischen Vereinen beitreten und bei den Jahresversammlungen erscheinen, sich aber sonst passiv verhalten".

 

 

 

 

 

Zu lautstarkes Auftreten?

 

Es scheint, dass Schacht in Spittal anfangs wohl kämpferisch und laut aufgetreten ist und im Sinne und mit der Methode der "Los-von-Rom"-Bewegung wirken wollte, damit aber vermutlich nicht viel Erfolg hatte. Der Rat mit dem Beitritt zu "völkischen Vereinen" (Plural!) macht dagegen deutlich, wie sehr das Klima in Spittal von diesen Vereinen geprägt gewesen sein musste, dass es für einen evangelischen Pfarramtsinhaber ein Gebot der Vernunft dargestellt hat, in jenen Vereinen zumindest stummes Mitglied zu sein...

 

 

 

 

 

Geschehen aus katholischer Sicht   Wie sich das vermutlich etwas lautstarke Auftreten des jungen Vikars und das gesamte Geschehen im Zusammenhang mit der Gründung der evang. Pfarrgemeinde Spittal aus der Sicht eines röm.-kath. Geistlichen darstellte, ist auf der folgenden Seite dargestellt. Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass auch katholische Geistliche Kinder ihrer Zeit sind, wie es auch auf evangelische Pfarrer und Vikare zutrifft.  
       
   
 
Begriffserklärung   *) Mit dem Begriff Ultramontanismus wird eine politische Haltung des Katholizismus in deutschsprachigen Ländern und den Niederlanden bezeichnet, die ihre Weisungen ausschließlich von der päpstlichen Kurie, also aus dem „jenseits der Berge“ (lateinisch ultra montes) liegenden Vatikan bezieht. Als Schlagwort wurde er insbesondere im so genannten "Kulturkampf" in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebraucht.

Die Deutsche Zentrumspartei vertrat seit 1870 diese politische Richtung. Nach der Gründung der CDU und ihrer (wenigstens offiziell) nicht konfessionell ausgerichteten Linie verlor der Ultramontanismus allerdings sehr stark an politischem Einfluss.

 

 

 

Tunneldurchstich im

Tauerntunnel

 

 

 

Der alternde Kaiser

Franz Joseph

 

 

 

Dr. hc. Ing.

Karl Wurmb, der Erbauer

 der Tauernbahn

 

 

 

"Ultramontanismus":

Der Vatikanbezirk

mit dem Petersdom

 

 

 

Evang. Kirche

Unterhaus

 

 

Evangelische

Heilandskirche Graz

 

 

Römisch-katholische Stadtpfarrkirche Spittal

"Mariä Verkündigung" mit Pfarrhof und Gemeindezentrum

heute

 

 

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