Die "Los-von-Rom-Bewegung" und ihre

    Auswirkung auf die evang. Pfarrgemeinde Spittal           1

 

 

Zeitliche Eingrenzung

 

Der Beginn dieser Bewegung fällt historisch präzise auf das Jahr 1897 und war eine gesellschaftspolitische und kirchliche Strömung in der zu Ende gehenden Habsburger Monarchie. Es hat zwar bis 1945 weitere Aus- und Übertrittswellen gegeben, so z. B. in der Zwischenkriegszeit als auch im Ständestaat, der stets in der Nähe der katholischen Kirche angesiedelt war. Die eigentliche "Los-von-Rom-Bewegung" muss man aber zeitlich auf 1897 bis 1910 eingrenzen.

 

 

 

 

 

Studentisches Milieu als Ursprung

 

Diese Bewegung entstand - wie schon oft politische Bewegungen -  im studentischen Milieu. Nicht erst heute sind Hochschulen und Universitäten mehr als Orte des Studierens, des Lernens und der Ausbildung. Ganz wesentlich ist wohl auch für Studenten die immer neue politische Meinungsbildung, nicht nur an, sondern oft auch von ihnen ausgehend und auf die jeweilige Umgebung ausstrahlend.

Der Ausgangspunkt der "Los-von-Rom-Bewegung" jedenfalls waren zwei Reden, die Studenten der Medizin an zwei aufeinander folgenden Tagen im Dezember 1897 hielten

 

 

 

 

 

Franz Fötsch

 

Die erste Rede wurde von einem Franz Foedisch (in einigen Dokumenten auch Foetsch oder Fötsch geschrieben) bei einer studentischen Versammlung im Arkadenhof der Universität Wien gehalten. Mitten in seiner Abhandlung über studentische Belange rief er plötzlich: "Unseren Kampf gegen Rom haben wir noch nicht begonnen. Wir wissen aber, dass Rom unser größter Feind ist!" Und bezeichnenderweise fügt er noch hinzu: "Wir wissen, unsere einzige Rettung liegt im protestantischen Bekenntnis, das auch den nationalen Gedanken in sich birgt!"

Interessant ist diese Aussage deshalb, weil in der beginnenden Bewegung anfangs eine strikte antikirchliche Haltung gegen alle christlichen Konfessionen herrschte.

 

 

 

 

 

Theodor Georg Rakus als Wortschöpfer

 

Der eigentliche Begriff  "Los-von-Rom" wurde von Theodor Georg Rakus geprägt. Er benutzte diese Formulierung am "Ersten Deutschen Volkstag" bei einer Rede in den "Wiener Sophiensälen", und sie wurde zu einem Zitat, das sich schnell verbreitete und auch von den Deutschnationalen im Habsburgerreich aufgegriffen und verbreitet wurde.

 

 

 

 

 

Vom Begriff zur Bewegung

 

Von einem Schlagwort zu einer Bewegung ist allerdings ein weiter Weg, dazu bedurfte es schon eines besonderen Anlasses. Und der fand sich auch bald in einer großen Versammlung deutschnationaler Vertrauensleute am 15. Januar 1899 in Wien. Man beriet dort über die "Werbearbeit für den  Massenübertritt". Zusammen gekommen waren dort auch Reichsdeutsche, und zwar Vertreter des "Alldeutschen Verbandes" und des bereits erwähnten "Evangelischen Bundes zur Wahrung protestantischer Interessen in Deutschland". Und unter den österreichischen Alldeutschen war auch Schönerer anwesend.

 

 

 

 

 

 

"Los-von-Rom" als Schlagwort

 

Merkwürdigerweise wurde diese etwas exotisch anmutende Versammlung politischer Wirrköpfe und Utopisten von der Öffentlichkeit sehr bewusst wahrgenommen. Beinahe alle Wiener Zeitungen und auch einige Bundesländerzeitungen berichteten ausführlich darüber. Und den Ruf "Los-von-Rom" hatten manche Zeitgenossen schon sehr bald in den vermeintlich dahinter stehenden Ruf "Los von Österreich und hin zu Preußen" uminterpretiert...

 

 

 

 

 

Georg von Schönerer   Am bekanntesten wurde dieser Ruf aber durch Georg Ritter von Schönerer, der ihn am 5. November 1898 bei einer Rede im österreichischen Reichsrat verwendet hatte. Und im Januar des darauf folgenden Jahres verkündigte er laut tönend, dass er auch aus der röm.-kath. Kirche austreten und in die Evang. Kirche eintreten werde, wenn sich 10.000 Anhänger bei ihm mit der selben Absicht meldeten.  
       
Massive Vorbehalte gegen den Protestantismus   Diese mehr indirekte Aufforderung wirkt besonders erstaunlich, da Schönerer ja gegen den Protestantismus massive Bedenken hatte. Da war z. B. die Predigt über alttestamentliche Texte, die ihn störte - denn das Alte Testament war ja seiner Meinung nach ein "Judenbuch", - dann kam noch dazu, dass er generell kein religiös zu nennender Mensch war.

Und dies, obwohl er auch Freimaurer war, die ja bekanntlich als eine der Aufnahmebedingungen  verlangten, dass der Kandidat an ein höheres göttliches Wesen zu glauben hatte, wie immer der Kandidat dieses Wesen auch definierte.

Diese Aufforderung zum Kirchenaustritt und zum Übertritt in die evang. Kirche wird aber allgemein als der entscheidende Auftakt der Bewegung angesehen.

Auf der von Schönerer gestifteten evang. Kirche in Zwettl (NÖ) hatte er eine Spruchtafel mit einem Zitat von Bismarck anbringen lassen: "Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!" Sein Wohnsitz war ja das nur 8km entfernte Schloss Rosenau bei Zwettl, das heute noch ein Freumaurermuseum mit der originalen Schlossloge behebergt

Mit der enormen Wirkung seines indirekten Aufrufs hat er wohl nicht so ganz gerechnet und kam dadurch in Zugzwang... Letztendlich sind es sogar weit mehr als 10.000 Ausgetretene geworden. Schon allein die Übertrittszahlen in die evang. Kirche auf dem Gebiet des heutigen Österreichs betrugen bereits 29.000 Personen.

 
       
Der "Knüppelritter"  stürmt  Redaktion   Georg Ritter von Schönerer war das erste Mal Abgeordneter des Reichsrates von 1873 bis 1888. Er war allerdings eine mehr als schillernde Figur, der auch nicht vor Gewaltakten zurückschreckte. So drangen er und einige seiner Anhänger in die Redaktion des "Neuen Wiener Tagblattes" ein und verprügelten die Redakteure mit Stöcken und Knüppeln, nur weil dessen Journalisten die Nachricht vom Tod Kaiser Wilhelm I. seiner Meinung nach ein paar Stunden zu früh veröffentlichten und damit nach seiner Auffassung Unsicherheit verbreiten wollten. Es war natürlich klar, dass eine solche Person die Karikaturisten auf den Plan rief und er bald als "Der Knüppelritter" bezeichnet wurde...  
       
Schönerers Abstieg   Aber diesmal war er wohl zu weit gegangen. Immerhin war es Kronprinz Rudolf, der darauf bestand, dass Schönerer vor Gericht gestellt und zu 4 Monaten schwerem Kerker sowie dem Verlust des Adelstitels und der politischen Rechte für 5 Jahre verurteilt wurde. Seine Anhänger machten ihn natürlich zum Märtyrer. Jedoch hatte sein Abstieg bereits begonnen. Denn gerade zu dieser Zeit schlossen sich die Christlichsozialen unter Karl Lueger und die Sozialdemokraten unter Viktor Adler zusammen, beides ehemalige Mitarbeiter Schönerers, und bildeten eigene Parteien.  
       
Vernichtende Wahlschlappe   Als Schönerer seine Strafe abgesessen hatte und im Jahr 1897 noch einmal in den Reichsrat zurückkehrte, war er ein geschlagener Mann. Bei den Wahlen, in denen rund drei Mio. Menschen mehr abstimmen durften als bisher, errang seine Partei nur fünf von 425 Sitzen. In dieser politischen Flaute kam daher die Idee mit  dem "Los-von-Rom"-Ruf gerade rechtzeitig, um  ihn wieder zum politisch Handelnden zu machen.  
       

Die eigentlichen Ziele

 

Doch was war - abgesehen vom persönlichen Anliegen Schönerers, Menschen zum Austritt aus der röm.-kath. Kirche zu bewegen -  das eigentliche Ziel seiner offensichtlich politisch motivierten Bewegung? Brigitte Hamann zitiert dazu in ihrem Buch "Hitlers Wien" eine Aussage von Franz Stein, dem seinerzeitigen Herausgeber der Wiener Zeitung "Der Hammer" und "Haupt der Alldeutschen Arbeiterbewegung" mit folgender Aussage:

"Die Bewegung ist gegründet worden, um später einmal den Anschluss an das Deutsche Reich leichter durchführen zu können. Die Deutschösterreicher würden dann in ebenbürtiger Religionsgemeinschaft mit Preußen sein, so dass in dieser Hinsicht keine Befürchtungen seitens Preußens vorhanden wären...."

 

 

 

 

 

Vorbereitung zum "Anschluss"

 

Das heißt also nichts anderes, als dass die Alldeutschen mit der "Los-von-Rom-Bewegung" den Anschluss an das Deutsche Reich vorbereiteten und - weil Preußen seiner Religionsgeschichte nach eben vorwiegend reformatorisch geprägt war - der Protestantismus dabei helfen sollte, einen

einheitlichen Nationalstaat zu schaffen.

 

 

 

 

 

Schönerer und Hitler

 

Schon in den Jahren zuvor war Schönerer zu einem Rassen-Antisemiten geworden. Das Deutschtum wurde unter Schönerer zu einer Glaubenssache und eine Art Religion. Adolf Hitler hat Schönerer wegen seiner "Konsequenz, Prinzipientreue und unwandelbarer Liebe zum deutschen Volk" glühend verehrt. Hitler hat fast alle politischen Einstellungen vom "Politiker seiner Jugendzeit" übernommen.

 

       
Der Oberkirchenrat nimmt Stellung   Kaum war aus den ersten Reden der schon erwähnten Medizinstudenten eine öffentliche Bewegung entstanden, nahm der Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche (damals noch unter staatlicher Aufsicht stehend und staatlich gesteuert) Stellung zu den Entwicklungen.  

 

 

 

 

Mahnung zur Vorsicht

 

Am 18. Januar 1899 erging ein Schreiben an alle Pfarrgemeinden. Darin betont der Oberkirchenrat,

"...dass die auf einen Massenaustritt aus der katholischen Kirche abzielenden Bestrebungen nicht auf religiöser Überzeugung beruhen. Die sich daraus resultierenden eventuellen Eintritte in die evangelische Kirche sollten gewissenhaft geprüft und dort, wo der Übertritt nicht aus religiösen Gründen erfolge, ablehnend behandelt werden."

 

 

 

 

 

Gründung des Evangelischen Bundes

 

Als eine Frucht des Luther-Gedenkjahres 1883 und unter dem Eindruck des Kulturkampfes wurde im August 1887 der "Evangelische Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen"

in Frankfurt/Main gegründet.  Daraus ergab sich eine gewisse Konkurrenzsituation zum schon seit 1830 bestehenden "Gustav-Adolf-Verein", der in Österreich schon sehr erfolgreich gearbeitet hatte und dem nationalprotestantisches Gedankengut durchaus vertraut war.

 

       
Die österreichische Gründung  

1898 wurde nun durch den Evangelischen Bund in Magdeburg ein "Ausschuss zur Förderung der evangelischen Bewegung in Österreich" gegründet. Damit wollte der Bund wohl der "Los-von-Rom-Bewegung" eine positive Ausrichtung geben und an diese anknüpfen. Von einer klaren Distanzierung kann daher keine Rede sein.

Wie hat sich diese "evangelische Bewegung" bemerkbar gemacht?

 

 

 

 

 

Die Auswirkungen

 

Zunächst sicher durch die deutsch-evangelische Wochenschrift "Die Wartburg", die als offizielles Organ des inzwischen in Wien gegründeten "Evangelischen Bundes für die Ostmark und des Salzbundes" fungierte (siehe Textzitate auf der Seite "Pfarrgemeinde in den Medien dieser Zeit" unserer Homepage)

 

 

 

 

 

Vikare aus Deutschland

 

Als zweites ist zu nennen, dass der EB (evangelische Bund) seit 1900 Vikare nach Österreich schickte, um speziell die durch Neueintritte rasch gewachsenen Gemeinden zu versorgen half. Es war damals möglich, geistliche Hilfskräfte und Vikare zur Unterstützung ihrer Pfarrer anzustellen (so genannte "Personal-Vicare"), die erst nachträglich durch Kirchenleitung und staatliche Behörden bestätigt werden mussten. Viele jener Vikare bekamen diese Bestätigung allerdings bald nicht mehr. Trotzdem gab es bereits ein Jahr später 56 Vikare auf dem Boden der Doppelmonarchie, die vom EB entsandt und mit beträchtlichen Geldmitteln versorgt wurden, einen davon auch in Spittal, Julius Schacht aus Berlin.

 

       

Verschwommene Grenzen

 

Es kann daher nicht verwundern, dass in den Augen der damaligen Öffentlichkeit die Grenze und die Unterschiede zwischen "Los-von-Rom"-Deutschtum" und "protestantischem Deutschtum" nur als sehr verschwommen wahrgenommen wurden.

 

 

 

 

 

 

Arkadenhof der Wiener Universität

 

Die "Sophiensäle" heute

 

Ein Roman aus der "steirischen Bewegung"

von Pfr. Ludwig Mahnert

 

Georg

Ritter von Schönerer

 

Schloss Rosenau/Zwettl

 

"Dunkle Kammer"

 

Karikatur Schönerers

als "Prügelritter"

 

Kronprinz Rudolf

 

Christl.-Soz. Bürgermei-

ster Dr. Karl Lueger

 

Viktor Adler, Führer der Sozialdemokraten

 

Wartburg als Namens-

geber für eine Zeitschrift

 

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