Jakob Hutter und die Täuferbewegung 1

 

 

Geistlicher Aufbruch in der Schweiz

Im Zuge der einsetzenden Reformation war von verschiedenen Seiten der Ruf nach radikalen religiösen und gesellschaftlichen Veränderungen laut geworden. Hier war es besonders die Gruppe um Conrad Grebel, Felix Manz und Georg Cajabok, (genannt Jörg Blaurock) aus Zürich, denen die Thesen und Forderungen Martin Luthers nicht weit genug gingen. Sie wollten die urchristlichen Wurzeln und die Bergpredigt zum zentralen Inhalt christliches Lebens machen.

Es wurden von ihnen nicht nur Beichte und Kindertaufe abgelehnt, sondern auch jede weltliche Obrigkeit in Frage gestellt und abgelehnt, wenn sie nicht den Prinzipien der Bergpredigt gemäß (also gewaltfrei) regierten und handelten.

       
Ein junger Suchender  

In diese Zeit wird Jakob Hutter (auch Huter oder Hueter) in Moos, einem kleinen Weiler in der Nähe von St. Lorenzen bei Bruneck im Pustertal (Südtirol) hinein geboren.

Der erschreckende Zustand der katholischen Kirche trifft den jungen Jakob Hutter zutiefst. Das nicht nur, weil die Tiroler und Südtiroler als tiefgläubig katholisch galten. Das gänzliche Fehlen religiöser Vorbilder zusammen mit der trostlosen wirtschaftlichen Situation bewirken Hoffnungslosigkeit und existenzielle Not.

 
       
Starke Beschränkungen des täglichen Lebens durch die Obrigkeit

Die meisten der Bauern waren Leibeigene des jeweiligen Lehensnehmers. Die heute ganz natürlich scheinenden Rechte wie Eigenbestimmung und Selbstverwaltung gab es damals noch nicht. Die vorgeschriebenen Abgaben an den jeweiligen Grundherrn (das war in den meisten Fällen die Kirche und ihre Klöster) überstiegen die Erträge der Landwirtschaft bei weitem.

Dazu kamen ständig Spendenaufforderungen seitens des katholischen Klerus´, um ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren, und das auf Kosten der schwer arbeitenden armen Bauern .

 

 

 

 

Ein gebildeter Hutmacher

 

Jakob Hutter erlernt das Handwerk des Hutmachers und lernt nebenbei Lesen und Schreiben. Er vertieft sich in reformatorische Schriften, die von der Kaufmannsfamilie Mayr aus Augsburg am Obstmarkt in Bozen verkauft wurden.

Trotz strenger Kontrollen an Ortseingängen und Pässen gelangen reformatorische Schriften durch Wanderhändler mit ihren Buckelkraxen bis in die entlegensten Gebirgstäler Südtirols.

Von den nach Südtirol geschmuggelten Schriften ist besonders "Eyn Newes testament" zu nennen, das Jakob Hutter erwirbt, mit Begeisterung und Faszination studiert und beinahe wortwörtlich auswendig lernt.

 

       
Ein kritischer Denker  

Durch die Lektüre dieser Schriften und wohl auch durch die Zustände der damaligen Zeit wird aus dem einfachen Bauernburschen ein kritischer Denker, der hinterfragt und viel darüber nachdenkt, wie man die Probleme seiner Zeit lösen könnte.

 
       
Hutter und Michael Gaismair   Irgendwann hat der junge Mann wohl auch von Michael Gaismair*) gehört, der fest entschlossen war, die Unterdrückung der Tiroler Bauern durch Kirche und katholischen Adel zu bekämpfen.

Dieser Michael Gaismair setzt sich an die Spitze der Tiroler Bauern, besetzt mit ihnen die bischöfliche Stadt Brixen und richtet in der Hofburg seinen Amtssitz ein.

In den Bauernkriegen von 1525 fordert er von den Landesfürsten von Brixen und Trient die Abschaffung der Vorrechte von Adel und Geistlichkeit. Er strebt eine Verfassung auf der Basis der Reformation und des Evangeliums an.


*) Michael Gaismair wurde 1490 in Tschöfs bei Sterzing geboren, wo sein Vater Bergwerksunternehmer und Landwirt war. 1524 bekleidete er die Stelle eines Sekretärs des Fürstbischofs von Brixen.

Am 10. Mai 1525, als Peter Paßler hingerichtet werden sollte, stellte er sich an die Spitze des Bauernaufstandes und wurde am 13. Mai zum Feldobristen gewählt. Nun trat Gaismair erst richtig ans Licht der Öffentlichkeit: er forderte mehr Gerechtigkeit für die Bürger und Bauern, weniger Macht für den Adel und die Geistlichkeit, das Wort Gottes sollte Grundlage aller Gesetze sein. Brixen sollte wegen seiner zentralen Lage die Hauptstadt des Landes werden. Gaismair muss aber erleben, dass die Fürsten ihr Wort nicht hielten, an der versprochenen Verhandlungen waren sie nicht wirklich interessiert.

Es waren hektische und auch gefährliche Jahre. In dieser Zeit wurde Gaismair vom Reformer zum Revolutionär. Er sah nur noch eine Möglichkeit: den bewaffneten Kampf. Er flieht schließlich in die Schweiz, steht mit seinem Heerhaufen 1527 in der Toskana und bald darauf in Umbrien. Später verdingt er sich als Söldnerführer an den Stadtstaat Venedig.

Er muss recht vermögend gewesen sein, denn er kaufte in Italien 87 Felder und mehrere Grundstücke bei Monte Grotto in der Nähe von Padua. Hier züchtete er Pferde und Schafe. Seine Frau Magdalena und seine vier Kinder lebten mit ihm im Palazzo Strozzi. 

Im Morgengrauen des 15. April 1532 wurde Gaismair auf den Stufen der Freitreppe seines "Palazzo Strozzi" in Padua, wo er sich gerade malen ließ, von einem ihm bekannten Pferdehändler und dessen Gehilfen, gedungene Mörder, überfallen und mit 42 Hieben und Stichen ermordet. Auch seinen Maler verletzten sie tödlich.

 
       
Eine Wanderschaft beginnt   Irgendwann verspürt Jakob Hutter wohl den Drang, das Leben außerhalb seiner begrenzten Welt kennen zu lernen. Vielleicht auch aus der Motivation, dadurch seinen Mitmenschen besser helfen zu können, ihr Leben auf eine neue Grundlage zu stellen.

Er ist nur einer von vielen Tirolern, die ihre Heimat verlassen und anderswo nach einer neuen Existenzmöglichkeit suchen.

Er zieht ausgehend vom Pustertal über Lienz nach Spittal, wo er einige Zeit lebt und dabei vermutlich  auch Kontakt mit verschiedenen Täufern aus Spittal, Amlach und St. Peter aufnimmt. Ob er zu diesem Zeitpunkt schon das täuferische Gedankengut kennt, ist umstritten.

Jedenfalls wird er von ihnen ermuntert - später beschreibt er dies als "auf mein G´wissen verpflichtet" -  sich für Gottes Wort und mehr Gerechtigkeit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden nach seiner Rückkehr in seine Heimat einzusetzen.

 
       
Der Bauernkrieg und seine Folgen für Hutter   Der junge Jakob Hutter ist von den Ideen und Idealen Gaismairs begeistert und schließt sich nach seiner Rückkehr nach Südtirol dieser Bewegung an. Er will mit "Schwert und Mistgabel" dazu beitragen, dass durch Gottes Wort und gerechtere Lebensbedingungen die Situation der Bauern und Knappen in Südtirol verbessert wird.  
       
Vernichtende Niederlage für Gaismair   Dieser Aufstand endet mit einer vernichtenden Niederlage der Revoltierenden. Jakob Hutter ist entsetzt über das viele Blut, das bei diesem Aufstand geflossen ist und noch mehr und viel schlimmeres Leid über seine geliebten Tiroler Landsleute gebracht hat.

Es ist gut vorstellbar, dass dieser blutige Krieg Jakob Hutter erkennen lässt, dass Gewalt nur noch größere Gegengewalt hervorruft und noch größeres Leid verursacht.

Das konnte niemals dem Geist des Evangeliums entsprechen. Vermutlich hat er sich damals geschworen, nie mehr Gewalt auszuüben. Die erlebte Gewalt und der Tod so vieler Frauen, Kinder und Männer machen ihn zu einem kompromisslosen Pazifisten.

Historiker definieren diesen Zeitpunkt auch als die wahrscheinlich eigentliche Geburtsstunde der Täuferbewegung in Tirol.

 
       
Ein Aufbruch   Das Tiroler Volk hatte nach den schrecklichen Erlebnissen in Bauernkrieg eine große Sehnsucht nach wirklichen geistlichen Vorbildern, die ihnen Hoffnung und religiöse Identität geben könnten.

Die Täuferbewegung mit Jakob Hutter an der Spitze entsprach aufgrund der Einfachheit ihrer Lehre und der von ihnen angestrebten Erneuerung des Lebens exakt den religiösen Bedürfnissen dieser Menschen. Deshalb findet diese Lehre wohl auch in Tirol einen so fruchtbaren Boden.

Überall in Tirol entstehen Täufergemeinden unter Führung charismatischer Prediger. Sie lehren einen einfachen und klaren Glauben und ein nach diesen Prinzipien ausgerichtetes Leben. Diese Gemeinden haben großen Zulauf. Vor allem wohl deshalb, weil durch die beginnende Reformation der geistliche Boden bereits vorbereitet worden war.

 
       

Die Schweizer Reformation erreicht Südtirol

Jörg Blaurock, ein ehemaliger katholischer Priester, der sich im Zuge der Reformation als erster "Täufer" in Zürich 1525 taufen lässt, kommt 1526 als einer der "ersten Missionare" nach Südtirol. Er war gerade in Zürich mit knapper Not der Hinrichtung entgangen und verstand es als ein Zeichen  Gottes, den bedrängten Menschen in Tirol zu Hilfe zu kommen.

Schnell wird er einer der volkstümlichsten Prediger, welche diese Glaubensbewegung in Südtirol je hatte. Hunderte Menschen ließen sich von ihm noch einmal "gültig" taufen.

Jörg Blaurock wählt Klausen als Stützpunkt und dehnt seine Missionstätigkeit über Deutschnofen bis nach Neumarkt und Kaltern weiter aus. Spuren seiner Tätigkeit findet man heute noch u. a. in den Ortschaften Völs, Deutschnofen, Ritten,  Tiers, Breitenberg, Leifers, Klausen und Gufidaun sowie  in vielen kleineren und größeren Orten der Umgebung.

       

Jörg Blaurock wird zum Märtyrer der Täufer in Südtirol

Anfangs war ihr Hauptversammlungsort auf der anderen (nicht befestigten) Seite der Brücke von Klausen im Gebiet von Gufidaun.

Schon bald wuchs die Zahl der Gläubigen jedoch gewaltig, und er erkannte die Gefahr durch die massenhaft zu  den Versammlungen strömenden Gläubigen. Das konnte der Obrigkeit nicht verborgen bleiben und er verlegte die Versammlungen daher an weiter abgelegene Orte, die er häufig wechselte.

Trotzdem wurde Jörg Blaurock 1529 in Gufidaun gefangen genommen und nach einer längeren Haft im so genannten "Hexenturm" schließlich hingerichtet.

       
Das "Reine Wort" im Vintschgau   Wie selbstverständlich sich diese Lehre verbreitet, erkennt man an der folgenden Begebenheit:

Zwei reformierte Prediger kommen 1527 nach Meran in Südtirol, also in den Vintschgau, und beginnen dort öffentlich ihre Predigttätigkeit, sehr zum Missfallen und zur Erregung von Stadtrat und Stadtrichter, die damals noch das "Blutgerichtsrecht" innehatten, also das Recht besaßen, in Gerichtsprozessen über Leben oder Tod zu befinden*).


*) Das ist für Spittal besonders im Zusammenhang mit der Tatsache interessant, dass Meran nach der Gründung einer evang. Pfarrgemeinde in Spittal die nächste westliche evangelische Gemeinde - sozusagen die „Nachbargemeinde“ – von Spittal war, welche „dem hochwürdigen Vikariat Spittal/Drau mit Dank die Seelsorge in Lienz übertrage“ (das war am 7. Dezember 1907).


Jedenfalls beratschlagt man in Meran, wie man der Situation Herr werden soll, dass da zwei Prediger vor dem Stadttor frech eine Holzkanzel errichten und völlig unbekümmert reformatorische Lehren verbreiten. Daher beratschlagte man, wie man dem Spuk ein schnelles und endgültiges Ende verschaffen könne.

Noch in der selben Nacht werden die zwei Prediger festgenommen, und vor Sonnenaufgang an der sogenannten "Pestilenzkanzel" vor der Meraner Stadtpfarrkirche erhängt.

 
       
Anhänger bis in die höchsten Kreise  

In den verschiedenen Behörden von Meran finden sich nachweislich Sympathisanten der neuen Lehre bis in die höchsten Kreise.

So weiß man z. B. von der Gräfin Johanna von Öttingen, die Witwe des Grafen von Liechtenstein auf Schönna. Die Liechtensteiner waren insgesamt der Reformation sehr wohlwollend gesinnt (dazu mehr auf den Seiten 1+2 über die Hutterer in Böhmen und Mähren auf dieser Homepage).

Aber auch andere Persönlichkeiten aus Stadt und Landkreis bekunden ihre Sympathie mit der neuen Lehre. In der Täuferbewegung sieht das verarmte und unterdrückte Volk eine Hoffnung, ihrem Leben wieder eine religiöse Gestalt und Ausrichtung zu geben, in der gleiche Chancen für alle bestehen.

 
       
Ferdinand I. und sein Kampf gegen Täufer   All diese täuferischen Aktivitäten bleiben dem Habsburger Kaiser Ferdinand I. natürlich nicht verborgen. Er geht gegen die Täufer in seinem Machtbereich gnadenlos vor. Als streng katholisch erzogener junger Mann aus Spanien war ihm der Zustand der katholischen Kirche, die er in seinem neuen Machtbereich vorfand, natürlich ein Gräuel.

Zwar wirft er dem Klerus seines Landes beständig vor, sie seien unwürdig und nicht fähig, das Priesteramt auszuüben, sie könnten ja nicht einmal das Vater unser auswendig und könnten auch nicht aus der Bibel zitieren, aber trotzdem beginnt er eine brutale Verfolgungsjagd auf alle Täufer.

Sein kaiserliches Mandat, die Täufer mit dem Tod zu bedrohen, wird auf dem Reichstag zu Speyer im April 1529 bestätigt.

Die 19 evangelischen Reichsstände konnten auf diesem 2. Reichstag in Speyer ihre religiöse Gewissensfreiheit politisch durchsetzen. Andererseits wurde ein Mandat formuliert, das die Todesstrafe gegen die Täufer reichsrechtlich verfügte.

 

 

Jakob Hutter

 

Conrad Grebel

 

 Felix Manz

 

Georg Cajabok, (genannt Jörg Blaurock)

 

Portraitmünze des

Michael Gaismair

 

Historische Nachstellung eines Bauernkrieges

 

Befestigte Brücke von Klausen

 

Der Gefängnisturm von Gufidaun

 

 Kanzel in der

 Stadtpfarrkirche Meran

 

 Stadtpfarrkirche Meran

 

Ferdiand I.

 

 

 

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