Grundsätzliches zur Entstehung der Kirchenmusik             1

 

 

Das besondere an der Musik

 

Warum ist Musik eigentlich etwas ganz besonderes? Musik gehört wohl noch stärker zum unerklärlichen und rätselhaften Wesen des Menschen als alle anderen Künste. Wo ein Mensch ehrlich aus seinem Innersten heraus musiziert und singt, ist er ganz bei sich selbst, da gibt er sich frei, da offenbart er, was ihn wirklich bewegt. Deshalb scheint es auch logisch, dass Musik und Gesang auch schnell in den christlichen, in den katholischen wie später in den evangelischen Gottesdienst Eingang fand.

 
       
Die historische Entwicklung  

Durch die Missionsreisen des Apostel Paulus bildeten sich schnell christliche Gemeinden, die im römischen Reich weit verstreut waren und keinem einheitlichen Kulturkreis angehörten. Man nimmt an, dass die Gemeinden im christlichen Gottesdienst vorerst ihre örtlichen Gesangstraditionen fortsetzten. Eine christliche Musik entwickelte sich erst, als das Christentum im Römischen Reich offiziell anerkannt wurde.

 
       
Ambrosius von Mailand als Vater der abendländischen Kirchenmusik  

Bedeutende Kirchenväter lösten die christliche Liturgie im 4. Jahrhundert aus den Formen des römischen Kaiserkultes. Sie gaben dem Gesang einen großen Stellenwert: Im Osten wurde unter Basilius von Caesarea die Liturgie umgebildet. Im Westen kam es unter Bischof Ambrosius von Mailand zu liturgischen und musikalischen Reformen und zur Einführung des Ambrosianischen Gesangs (Ambrosius führte Antiphonen und neu gedichtete Hymnen ein).

 
       
Verschiedene Riten bewirken Entwicklung eines eigenen Melodienbestandes   Das Christentum breitete sich rasch aus, und bald gewannen einzelne Klöster in liturgischen Fragen eine relative Unabhängigkeit.

Neben der ambrosianischen Liturgie entwickelten sich verschiedene weitere Riten wie der römische, der mozarabische und der gallikanische Ritus.

Jede dieser Liturgien bildeten eigene Singtraditionen heraus. Bis zum 6. Jahrhundert lag auch in den Klöstern des Benedikt von Nursia bereits ein breiter Melodienbestand vor, der für das Absingen sämtlicher Psalmen reichte

 
       
Gregor der Groß   Ende des 6. Jahrhunderts reformierte Papst Gregor I. die römische Liturgie. Am liebsten wäre es ihm ja gewesen, wenn nur in den Gottesdiensten gesungen worden wäre, aber eine solche Forderung konnte sich aus dem eingangs erwähnten natürlichen Bedürfnis des Menschen an Gesang und Musik nicht durchsetzen.

 Im Rahmen dieser Reformen begann eine über mehrere hundert Jahre fortgesetzte Ordnung, Sammlung und Vereinheitlichung der in der Liturgie verwendeten Melodien und Texte. Die zusammengestellten Lieder wurden als Gregorianische Choräle für die römische Kirche verbindlich und lösten lokale Gesangsstile weitgehend ab.

 
       
Der gregorianische Choral in den Charts   Gregorianische Choräle wurden einstimmig von Männerstimmen vorgetragen und basierten auf lateinischen Gebetstexten. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass heute breite Gruppen von Gemeinden für den Gottesdienst wieder die Gregorianik entdecken.

Ihre schlichten, aber tief in die Seele gehenden Gesänge und Melodieführungen berühren auf eindrucksvolle Weise. Selbst bis in die Charts der Popmusik sind einzelne Klöster mit Aufnahmen gregorianischer Gesänge gekommen.

 
       
Stilwandel des Römischen Chorals  

Die Musikforschung kam Ende des 20. Jahrhunderts allerdings durch Dokumente, die in der Bibliothek der Sorbonne in Paris entdeckt wurden, zu der überraschenden Erkenntnis, dass es bereits im 7. Jhdt. unter Papst Vitalian (gestorben 672) zu einem grundlegenden Stilwandel des römischen Chorals gekommen sein muss der von einem schwelgerischen zu einem betont schlichten Musikstil führte. Ersterer Stil wird inzwischen der Alt-Römische, der zweite der Neu-Römische Stil genannt. Lag hier die Wurzel für die Papst Gregor zugeschriebene Singweise?

 
       
Einheit des Abendlandes im kultischen Gesang   Die Gesänge dieses vereinfachten Gesangs strömten mit ihren lateinischen Texten im 8. Jahrhundert in England und im Frankenreich ein, wodurch nicht weniger als die Einheit des Abendlandes durch die lateinische Sprache im kultischen Gesang fast restlos verwirklicht war. So wurden besonders die Klöster des Frankenreichs und England zu Zentren der Gregorianik  
       
Beginnende Mehrstimmigkeit   Im Hochmittelalter galt der Gregorianischen Choral als reguläre kirchliche Musizierpraxis. Anfänglich eher als  Randerscheinung entwickelte sich in einigen Klöstern der mehrstimmige abendländische Gesang auf Basis der bestehenden Gregorianischen Choräle. Erste Belege dazu stammen aus dem 9. Jahrhundert.

Das weit verbreitete Musiktraktakt Musica enchiriadis beschreibt Gesangsätze (so genannte Organa), in denen zu gregorianischen Melodien parallel im Tonabstand einer Quinte oder Quarte gesungen wurden (Quintorganum, Quartorganum, Parallelorganum). Auch die Verwendung von Instrumenten sieht diese Schrift ausdrücklich vor.

Im Rahmen dieser Praxis wurden erstmals Tonhöhen klar notiert, indem man den gesungenen Text auf verschiedenen Linien darstellte.

 
       
Freiere Formen entstehen   In den Saint-Martial-Handschriften (um 1100) und im Liber Sancti Jacobi (um 1140) sind - erstmals von der starren Form der genau eingehaltenen Intervalle abgehend - zahlreiche freiere zweistimmige Sätze überliefert.

Am Beginn wurde zu einer Note der Hauptstimme parallel eine zweite Stimme gesetzt.  Dabei empfand man die Zusammenklänge Prime, Quarte, Quinte und Oktave als angenehm und harmonisch richtig.

Daneben entstand die Haltetonfaktur. Sie kombiniert eine lang ausgehaltenen Grundnote der gregorianischen Vorlage mit einer bewegten Notenfolge (Melisma) in der Gegenstimme.

 
       

Die Notre-Dame-Epoche

  Den Höhepunkt dieser Entwicklung bilden die Werke der Notre-Dame-Epoche, die in Paris (1163 bis 1250 zeitgleich mit dem Bau der Kathedrale Notre-Dame de Paris entstanden.

Léonin und Pérotin schufen als feierliche Musik für hohe kirchliche Feste groß angelegte zwei- und dreistimmige Organa - zwei sind sogar vierstimmig.

 
       
Erstmals spricht man von "Kirchenmusik"   Um das Jahr 1300 wurde das Wort „Kirchenmusik“ (musica ecclesiastica) erstmals von dem Musiktheoretiker Johannes de Grocheo verwendet und zwar für den (einstimmigen) Gregorianischen Gesang im Gegensatz zu den mehrstimmigen Gattungen.  
       
Vienne und seine Auswirkungen   Auf dem Konzil von Vienne (1311 und 1312) forderten die Dominikaner das Verbot der Motette. Darauf hin versuchte Papst Johannes XXII. das entstandene Problem durch Verbot bestimmter Satztechniken zu lösen, sprach aber auch „gewisse Neuerer“ an.  
       
Ein Dekret mit Folgen  

Wichtig sind die Auswirkungen dieses Dekretes. Es verursachte nämlich, dass man vielerorts die weitere Entwicklung der ohne Instrumentalbegleitung aufgeführten Motette abschloss.

Dadurch kam es schon im 14. Jahrhundert zu der Verwendung einer Orgel im Gottesdienst. Jedoch wurden die liturgischen Gesänge nicht verdrängt, sondern die liturgische  Musik war oft von Abwechslung zwischen Orgel und Gesängen geprägt, der so genannten "Alternatim-Praxis". Dabei wird die eine Hälfte der Lieder vom Chor gesungen, die andere Hälfte übernimmt die Orgel in einer mehrstimmigen Bearbeitung, dem Versett. Andere Musikinstrumente wurden zu dieser Zeit jedoch kaum verwendet.

 
       

Die Kirchenmusik der Renaissance

 

  Im Laufe des 15. Jhts. kam man von den meist lokalen musikalischen Praktiken zu einer gesamt europäischen Musikkultur, durch das Konzil von Konstanz entscheidend vorangetrieben. Das bedeutete, dass Hofkapellen die Funktion musikalischer Institutionen erhielten; es kam zu einer Gründungswelle von Kapellen an Kathedralen, Stiftskirchen und Stadtkirchen.  
       
Die niederländischen Meister   Auch ist erwähnenswert, dass die bedeutendsten Komponisten nördlich der Alpen bis ins 16. Jahrhundert meist Niederländer waren. Erst dann traten auch deutsche Komponisten hervor.  
       
Eine reformatorische Kirchenmusik entsteht   Im 16. Jahrhundert kam es mit der Reformation zur Spaltung der Kirche in den Katholizismus und den Protestantismus. Von da an muss man die evangelische Kirchenmusik getrennt von der katholischen betrachten. Auf der folgenden Seite wird ein Blick auf evangelische Kirchenmusik geworfen.  

 

Paulus (Ravenna)

 

Basilius

von Caesarea

 

Benedikt von Nursia

 

Das Mantelwerk des Traktats

"Musica enchiriades"

 

Melodiegrafiken aus "Musica enchiriadis"

 

Rosette in der

Kathedrale von Notre-Dame in Paris

 

Seitenansicht der Kathedrale

von Notre Dame

 

Das Konzilsgebäude

in Konstanz heute

 

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