3

 

 

 

 

   Die erste Kirche

   der Evangelischen Pfarrgemeinde A. B. in Spittal      1

 

 

Erste Schritte zur eigenen Gemeinde

 

„Eure Kaiserliche und königliche Apostolische Majestät!

In unwandelbarer und dankbarster Ergebenheit, aber auch mit den Gefühlen zuversichtlichen Vertrauens und freudigster Hoffnung naht die evangelische Filialgemeinde Augsburgischer Konfession Spittal an der Drau dem Throne Eurer kaiserlichen und königlichen Apostolischen Majestät und bittet ehrfurchtsvoll und untertänigst um eine Unterstützung zum Bau einer evangelischen Kirche in Spittal an der Drau, die zur Verherrlichung und zum ewigen Angedenken an Eurer Majestät glorreiche und segensreiche Regierungszeit im heurigen Jahr, das die Völker Österreichs einmütig und jubelnd zu feiern sich rüsten, vollendet werden soll...“

 

 

 

Erster evangelischer

Gottesdienst nach 300 Jahren in Spittal

 

Mit diesem Schreiben von 1908, aus dem ein kurzer Auszug wieder gegeben wurde, begann eine wichtige Phase in unserer Pfarrgemeinde. Der rasche Aufschwung der Bezirksstadt durch den Bau der Tauernbahn, deren Anbindung an die Kronprinz-Rudolfs-Bahn (die heutige Südbahnstrecke) und der folgenden raschen  Industrialisierung hat mit dem Zuzug vieler Menschen auch die Zahl der Evangelischen rasch steigen lassen.

Daher wurde am 3. September 1899 nach beinahe exakt 300 Jahren für die nun schon 250 Glaubensbrüder und -schwestern der erste evangelische Gottesdienst seit den Tagen der Reformation im Hinterzimmer eines Gasthauses (dem "Sorgo-Bräu") von Pfarrer Buchacher aus Unterhaus gefeiert.

Und schon im Jahr darauf wurde eine eigene Predigtstation gegründet sowie in den folgenden Jahren unter der rührigen Initiative von Kurator L. Bruckmann und Vikar Julius Schacht mit großem Engagement und Einsatz der Bau einer eigenen evangelischen Kirche vorangetrieben.

 

 

 

Ausweichquartiere für Gottesdienste und Sitzungen

 

Die Spittaler Evangelischen, die sich nun mehr und mehr zusammen finden, feiern ab 1899 (nach dem ersten Gottesdienst im Extrazimmer des Gasthofes "Makoru") nunmehr regelmäßige Gottesdienste an verschiedenen Orten. Auch die Presbyter- und Gemeindevertretersitzungen finden (meist im Anschluss an einen Gottesdienst) an wechselnden Orten statt.

So kann man in den Protokollen dieser Sitzungen nachlesen, dass Gottesdienste im Saal des Gasthofes "Ertl", im "Sorgo-Bräu", beim Gasthaus Dietrich und im Gasthof Macoru und in der "Krone" (am heutigen Neuen Platz) stattfinden. Im Sommer steht den Gläubigen eine Schießhalle (auf der Spitze einer Anhöhe nördlich der Stadt, dem Fratres, ca. 30 Minuten zu Fuß vom Ortszentrum entfernt gelegen) zur Verfügung.

Im Winter dagegen muss die Gemeinde in eine offene überdachte Gartenhalle des Gasthauses "Sorgo-Bräu" ausweichen, die im Winter mit großen Holzwänden verschlossen wird und so einen überdachten Raum für Veranstaltungen bildet.

Viele Sitzungen der Leitungsgremien finden dagegen in Privatwohnungen statt, unter anderem bei Vikar Schacht in seiner Wohnung über dem Kaufhaus Franz Petutschnig und verschiedenen Gemeindegliedern. 

 

 

 

Eine breite Basis für eine eigene Kirche

 

Es ist leicht vorstellbar, dass diese Situation als wenig ansprechend und erbaulich  empfunden wurde und man auf Abhilfe sann. Als Folge bildete sich 1901 ein "Kirchenbauverein", dessen Obmann L. Bruckmann wurde. Dieser gewann durch großes Engagement sehr viele Mitglieder. Vom einfachen Pferdeknecht und Hausbediensteten bis zum Druckereibesitzer und Arzt waren alle soziale Schichten vertreten, die sich begeistern ließen.

 

 

 

Ein Bauplatz wird erworben

 

Mit Bausteinaktionen, Mitgliedsbeiträgen, Unterstützungsgesuchen, die gleichzeitig mit dem Jahresbericht überreicht wurden, durch Feste und Benefizkonzerte sowie viele andere Aktionen war man bald darauf in der Lage, den damals mitten im freien Gelände südlich des Fratres gelegenen Bauplatz um 7.000,- Kronen (nach heutigem Geld etwa € 36.340,-) von Fürst Aladar von Porcia zu erwerben.

Dieser am Ende der Bahnhofsallee gelegene Platz schien allen Verantwortlichen sehr günstig gelegen zu sein. Vor allem erwartete man nicht, dass dieser Platz jemals im städtischen Verkehrsgeschehen eine wichtige Rolle spielen könnte.

Über die Handlungen des  damaligen röm.-kath. Stadtpfarrers Dechant Franz Xaver Guggenberger bezüglich der Verhinderung eines solchen Verkaufes finden Sie mehr Informationen auf der Seite "Los-von-Rom-Bewegung" auf dieser Homepage.

Eine Bedingung seitens des Verkäufers war allerdings, dass mit dem Bau spätestens 1908 begonnen werden müsse. Es erging daher ein diesbezügliches Gesuch an den Oberkirchenrat, vorerst mit der Grundsteinlegung beginnen zu können, da noch nicht der gesamte Bau finanziert werden konnte. Dieses ungewöhnliche Ansuchen hatte einen mehrmonatigen flotten Galopp auf dem innerkirchlichen Amtsschimmel zur Folge :-)

 

 

 

Zahlreiche Spenden aus dem In- und Ausland

 

Spenden aus dem In- und Ausland (hier ist besonders die Sammelreise des Vikars Schacht zu erwähnen, der mehrere Monate durch die Schweiz reiste und für den Kirchenbau sammelte), Förderungen durch den Gustav-Adolf-Verein, sowie das am Beginn dieser Seite zitierte Bittschreiben an Kaiser Franz Joseph erbrachten etwa die Hälfte der Gesamtbaukosten einer Kirche mit Pfarrhaus von ungefähr 40.000,- Kronen (etwa € 207.645,-) - für damalige Verhältnisse ein enormer Betrag.

Für die andere Hälfte wagte die Gemeinde ein Darlehen der Centralbank der deutschen Sparkassen in Prag aufgrund günstiger Konditionen.

 

 

 

Architekten-wettbewerb

 

Aus einem Architektenwettbewerb ging das später verwirklichte Projekt von Kirche samt Pfarrhaus der Architekten C. M. Kattner (Stadtbaumeister und Sekretär der "Wiener Bauhütte") und G. Knell als Sieger hervor. Es  lehnt sich an das Vorbild der evang. Kirche Innsbruck an und enthält Elemente des Jugendstils.

 

 

 

Entwurf einer Kirche im "Heimatstil"

 

Der Gesamtkomplex ist im so genannten "Heimatstil" errichtet, eine Variante und Weiterentwicklung des deutschen Jugendstils, jedoch ohne dessen Ornamentik und betont sachlich. Zwischen 1900 und 1920 erfreut sich dieser Stil einer breiten Akzeptanz bei Bauherren und Architekten.

 

 

 

Die wesentlichen Stilelemente

 

Seine Merkmale sind: einfache, eher behäbige, hohe Walm- und Satteldächer, geschweifte Giebel und materialgerechte Konstruktionen.

Die Gebäudesockel sind meist aus rauen unverputzten einseitig bearbeiteten  Bruchsteinblöcken gebaut, die Mauern mit grobem Sandputz gestaltet.

Verzierungen wurden auf ein Mindestmaß begrenzt, damit der Charakter der Einfachheit erhalten bleibt.

Feingliedrig gestaltete Sprossenfenster waren das wesentliche gliedernde und schmückende Element der Fassaden bei Häusern.

Bei Kirchen und Friedhofskapellen greifen die Architekten dieser Zeit gern auf Spitz- oder Rundbögen und Fensterflächen - aus kleinteiligen bleigefassten Klarglaselementen zusammengesetzt  - zurück.

 

 

 

Die heutige Beurteilung

 

Architekturkritiker und Fachjournalisten von heute beurteilen diesen Baustil allerdings spöttisch als "Kuckucksuhrenstil" oder sogar als "deutschtümlerisch"...

 

 

 

Weiterführung trotz

ernster Erkrankung

 

Während der Bauphase erkrankte der Architekt C. M. Kattner im November/Dezember 1908 ernstlich. Die Kommunikation würde brieflich von seiner Frau, Irene Kattner, weiter geführt und alle wichtigen Schritte koordiniert.

Gott sei Dank gesagt, dass in dieser wichtigen Phase der Architekt bald wieder genas und seine Aufgaben weiter ausführen konnte. Aber bekanntlich steht hinter jedem erfolgreichen Mann auch eine starke Frau :-)

 

 

 

Eine Ansichtskarte vom Gastgarten des "Sorgo-Bräu"

 

Baustein Nr. 496

aus Bausteinheft Kirchenbau


Detaillierte Entwurfs-

studien des Siegerprojektes

 

Querschnitt Süd-Nord

vom Osten her gesehen

 

Querschnitt West-Ost

vom Süden her gesehen

 

Grundriss von Kirche und Pfarrhaus

 

Rückansicht vom Norden her

(Pfarrhaus und Kirche)

 

Seitenansicht Kirche

 vom Osten betrachtet

 

Unterseiten:

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal   1

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal 1a

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal   2

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal   3

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal   4

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal   5

Baugeschichte der evang. Kirche Spittal 5a

360°-Panoramaansicht vom Inneren unserer Kirche 6