Gott trägt sich nicht ins Goldenen Buch im Rathaus ein, sondern kommt zu uns, mitten hinein in unseren Alltag! Daran erinnert uns die Krippe im Stall von Bethlehem.

Predigt zu Heilig Abend

24.12.2021

Der Predigttext für Heilig Abend 2021 steht im Buch des Propheten Micha, eine der ganz alten Verheißungen, dass Gott uns einen Messias, einen Retter, einen Heiland schicken wird:

Micha 5,1-4a

Du, Bethlehem Efratá, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel.

Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.

Liebe Gemeinde!

ich möchte heute mit Ihnen einer Frage nachgehen, die uns durch das Weihnachtsgeschehen gestellt wird:

Die Krippe im Stall, also ein Futtertrog – als Wiege für den Mensch gewordenen Gott. Bethlehem, ein kleines Nest bei Jerusalem – als Ort, an dem der Schöpfer zum Geschöpf wird. Was hat das zu bedeuten?  War das ein Unfall, ein göttlicher Regiefehler? War es eine besondere Pointe in Gottes Heilsgeschichte? War es ein Zufall?

Schon Jahrhunderte vorher hatte der Prophet Micha angekündigt: Du, Bethlehem Efratá, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei…

Zufall also war es nicht. War es dann vielleicht eine Ausnahme, ein Spezialplan Gottes? Keineswegs!

Wer die Geschichte Gottes mit den Menschen betrachtet, der wird früher oder später bemerken: Bethlehem, der Stall, die Krippe – das alles ist Programm, nicht Ausnahme! Das ist Prinzip, nicht Sonderaktion!

Einige Beispiele dazu: Die Heilsgeschichte Gottes mit dieser Welt beginnt nicht mit einer globalen Pressekonferenz.  Sie beginnt mit der stillen Gewissheit eines unbedeutenden Nomaden, er solle seine Heimat verlassen, weil Gott ihn in ein neues Land führen will: Abraham! Aus ihm wird im Lauf der Jahrhunderte ein Volk, das Gott sich zum Eigentum erwählt.Doch dieses Volk ist klein und unbedeutend, keine Weltmacht! Und es ist schon gar nicht repräsentativ für den Schöpfer des Himmels und der Erde. Dieses Volk erlebt eine wechselvolle Geschichte, es erreicht nur für kurze Zeit eine gewisse politische Bedeutung.

Und die intensivsten Erfahrungen mit seinem Gott macht es in Krisenzeiten – in der Knechtschaft in Ägypten und in der Verbannung in Babylon. Diese Linie findet in Jesus ihre konsequente Fortführung:

Der Sohn Gottes wird in Bethlehem in einem Stall geboren, als ein uneheliches Kind unbedeutender Leute. Er wächst auf in Nazareth in Galiläa, einer Region, die für die Geschichte und den Glauben Israels vorher noch nie eine Rolle spielte: Was kann aus Nazareth Gutes kommen!  war durchaus eine sprichwörtliche Redensart.

Dieser Jesus ergreift keinen gelehrten Beruf, studiert nicht Theologie, wird weder Politiker noch Diplomat, sondern Wanderprediger. Er lehnt eine gewaltsame Durchsetzung seiner Ziele ab und endet einsam und verlassen am Kreuz, wo er den Tod eines Verbrechers stirbt.

Ja: Stall und Krippe und Kreuz: die sind Programm – und nicht Ausnahme!

Es fragt sich nur: Warum?

Warum geht der ewige und allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, diesen Weg der Armut, der Niedrigkeit? Warum macht Gott den Stall, die Krippe und das Kreuz zu seinem Prinzip?

Man kann wohl verschiedene Antworten geben. An Weihnachten heißt die Antwort: Gott will dorthin kommen, wo wir sind, dorthin, wo wir wirklich sind!                                                             

Er kommt nicht ins Wohnzimmer, das – wie früher üblich – nur an Festtagen geheizt und genutzt wird, sondern dorthin, wo sich das Leben im Alltag abspielt.                                           Er kommt nicht in die Stadthalle oder ins Rathaus, um sich als Ehrengast ins Goldene Buch einzutragen, er kommt in die Gassen und an die Straßenzäune, um den Menschen zu begegnen, wie sie wirklich sind!

Er will nicht zu uns kommen, um hohen Herren und Damen in feinen Palästen und Gewändern die Hände zu schütteln, um auf viel beachteten Pressekonferenzen große Worte zu verlieren.  Nein, er will dorthin, wo wir sind! Er will keine Fassaden sehen, weder an Gebäuden noch an Menschen, er will sich nicht hinters Licht führen lassen von gleißenden Scheinwerfen – deshalb kommt er von vorne herein und grundsätzlich dorthin, wo es dunkel ist: Im Stall von Bethlehem wird er als Kind einfacher Leute geboren, und Hirten sind die ersten, denen er eine Audienz gibt.

Der Stall, die Krippe und das Kreuz sind Gottes Programm.

Kann das auch für uns von Bedeutung sein? Kann das für uns hier und heute ein Trost sein? Ich denke schon. Wer sich nicht zu schade ist, im Stall in einem Futtertrog zu liegen, der kann auch zu uns kommen, der kann in unsere Kirche, in unsere Häuser, in unsere Herzen einziehen.

Er hätte Gründe genug, abzulehnen:  Vielleicht wären ihm unsere Gottesdienste zu wenig feierlich, unsere Häuser zu sehr erfüllt von Streit, von Überfluss und Sattheit, unsere Herzen zu voll von Schuld und Egoismus, von Unglauben und Zweifel.

Und dennoch kommt er zu allen, die ihm ihr Herz öffnen! Wir müssen nicht erst selbst für Ordnung sorgen – in unseren Herzen und Häusern, in Familien und Gemeinden. Jesus will kommen, um dies  mit uns und für uns zu tun!

Weil der Stall, die Krippe und das Kreuz sein Programm sind, sein Prinzip sind, – deshalb kommt er zu uns, auch zu dir und mir! Nehmen wir Gott doch beim Wort! Bitten wir ihn, zu uns zu kommen, bei uns und in uns Wohnung zu nehmen, damit sich etwas verändert in unserem Leben! Lassen wir es doch an uns geschehen!

Gehen wir nicht an Bethlehem, am Stall und an der Krippe vorüber. Es ist Gottes Programm zu unserer Rettung. Wir wollen es im Glauben ergreifen. AMEN!

GL Christian Kohl