Kopf hoch! Wir können und sollen uns erhobenen Hauptes den Herausforderungen stellen. Nicht ängstlich, sondern mit Zuversicht und Hoffnung, weil sich unser Heiland naht.

Predigt zum 3. Advent

Sonntag 12. Dezember

Predigtvers:  Lukas 21,28 

Predigt: „Kopf hoch!“

Liebe Schwestern und Brüder!
Für 19.Oktober 1533, 8 Uhr Früh sagte Michael Stiefel den Weltuntergang voraus. Seither heißt es, dass jemand einen Stiefel redet, wenn er offensichtlich Unsinn verbreitet.
Michael Stiefel (1487-1567) war allerdings kein Spinner, sondern eine brillanter Mathematiker und überdies der erste Evangelische Prediger in Oberösterreich, von Luther persönlich geschickt.
Zwei Jahre, von 1525-27 ist er in Oberösterreich tätig. 1528 kehrt er nach Deutschland zurück und wird Pfarrer in Lochau an der Elbe. Dort vertieft er sich in eine alte Leidenschaft, das Rechnen.
Indem er Buchstaben in Papstnamen und Bibelstellen durch Zahlen ersetzt, glaubt er schließlich das Datum des Weltuntergangs herausgefunden zu haben. Viele Menschen glauben ihm. Sie hören auf zu arbeiten und bereiten sich auf das nahe Ende vor.
Als der besagte Tag anbricht, feiert Stiefel in Lochau einen vermeintlich letzten Gottesdienst und ruft die Menschen auf, daheim in Ruhe die Apokalypse abzuwarten.
Doch nichts geschieht. Als die neunte Stunde um ist und die Welt immer noch steht, lässt der Kurfürst von Sachsen Stiefel unter Hausarrest setzen. Der Geistliche wird Zielscheibe von Spott und Hohn.
Luther lässt seinen Vertrauten aber nicht fallen, obwohl er mit ihm in der Endzeitfrage absolut nicht einer Meinung ist. Tag und Stunde lassen sich nicht berechnen, betont der Reformator. Stiefel erhält erneut eine Pfarre u. setzt seine mathematischen Studien an der Univ. Jena und Wittenberg fort. Heute gilt Michael Stiefel als einer der bedeutendsten Mathematiker des 16.Jh. – das Wurzelrechnen verdankt ihm seine Form.
Vor und nach Stiefel hat es immer wieder Versuche gegeben, das Weltende zu berechnen und die Zeichen der Zeit so zu deuten, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar vor der Tür stünde.
Wir sind gerade mitten in einer Pandemie, die bei vielen auch apokalyptische Ängste hervorruft, weil immer wieder eine neue Variante auftaucht und noch nicht absehbar ist, wann wir wieder zur Normalität zurückkehren können. Dazu kommt die wohl größte Herausforderung des weltweiten Klimawandels, wo viele auch nicht mehr daran glauben, dass wir das Schlimmste noch verhindern können.
Unsere Kirche hat das neue Kirchenjahr als Jahr der Schöpfung ausgerufen, mit dem Ziel, hinzuschauen, zu ermutigen und im eigenen Haus notwendige ökologische Schritte einzuleiten, bzw. fortzusetzen.
Es geht dabei nicht darum, den Weltuntergang heraufzubeschwören und die vorhandenen Ängste zu verstärken, sondern ganz im Gegenteil, nüchtern und wachsam zu analysieren, nach dem klaren biblischen Auftrag zu fragen, was zu tun ist. Nicht aus der Furcht, sondern aus der Verheißung und Zuversicht unseres Glaubens heraus zu handeln.
Einen Stiefel reden – das passiert uns doch auch immer wieder – dass wir von einer Sache so überzeugt sind, dass wir vieles aus dem Blick verlieren und andere Stimmen, andere Meinungen nicht mehr wahrnehmen und gelten lassen.
Die Apokalypse bleibt ein Thema. Wir warten immer noch auf das Kommen Jesu, aber nicht so, dass man sagen könnte, siehe da ist es: Das Reich Gottes ist mitten unter uns.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lk21,28)
Erhebt eure Häupter! „Kopf hoch!“ Sagen wir, wenn wir jemandem Mut zusprechen. Der starre Blick auf den Untergang macht blind. Im Wissen und in der Hoffnung, dass Jesus wiederkommt, nicht ängstlich und in Furcht wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern gelassen, zuversichtlich und hoffnungsvoll leben.
Advent erinnert uns: Jesus will bei uns ankommen, damit wir innerlich weiterkommen. Wir sollen uns erhobenen Hauptes den Herausforderungen stellen. Nicht ängstlich, sondern mit Zuversicht und Hoffnung, dass Erlösendes und Heilsames immer wieder erfahrbar wird durch die liebende Zuwendung Gottes in Jesus Christus.

Superintendent Manfred Sauer