So tut doch etwas! So schreit es der Prophet im Predigttext zum heutigen 2. Advent heraus. Und er wendet sich mit seiner Empörung direkt an Gott.

Predigt zum 2. Advent

Sonntag 5. Dezember

Predigttext:

 Jesaja, 63,15-64,3 (in Auswahl, in moderner Übersetzung)  

Herr, schau doch herab vom Himmel, von deinem heiligen und majestätischen Thron! Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein? Wo sind deine großen Taten? Warum hältst du dich zurück? Schlägt dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen?

Du, HERR, du bist doch unser Vater. »Unser Erlöser« – so hast du von jeher geheißen.

Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren? Warum hast du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr vor dir haben?

Bitte, wende dich uns wieder zu! Ach, Herr, reiß doch den Himmel auf und komm zu uns herab! Lass vor deiner Erscheinung die Berge ins Wanken geraten!

Seit die Erde besteht, hat noch niemand von einem Gott wie dir gehört oder einen Gott gesehen, der es mit dir aufnehmen könnte. Nur du kannst den Menschen, die auf dich vertrauen, wirklich helfen.

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde, und wieder sind wir drinnen, mitten in der Adventzeit. Advent, die Zeit der Erwartungen, so sagt man.

Aber haben wir wirklich noch irgendwelche besonderen Erwartungen an diese vorweihnachtliche Zeit, außer dass der Lockdown beendet wird?

Spüren wir nicht manchmal in uns die Sehnsucht danach, dass sich endlich etwas ändert in unserer aus den Fugen geratenen Welt?

Keimt da nicht der Wunsch und die Sehnsucht, dass da endlich einer eingreift und den Wahnsinn beendet?

So tut doch endlich was! Der Prophet Jesaja schreit es heraus und wendet sich dabei direkt an Gott.

„Ach, wenn du doch den Himmel zerrissest! Wenn du doch herabkämst, dass die Mächte der Welt vor dir vergingen!“

Es ist ein wortgewaltiger Klagepsalm, der dieser Predigt zugrunde liegt, und der im alten Adventlied „O Heiland reiß die Himmel auf“ aufgenommen wird.

Ja, die Sehnsucht ist groß und auch nachvollziehbar, dass Gott doch endlich mit mächtiger Faust dreinschlagen möge, auf das alle menschenverachtenden Machtmenschen vor Angst erzittern mögen.

Wie ein Vulkanausbruch, der Berge zerbersten und Wälder in Flammen aufgehen lässt, so wird das gewaltige und gewaltsame Eingreifen Gottes vom Propheten herbeigewünscht.

Aber das ist nicht Gottes Art. Das ist nicht sein Wesen.

Veränderungen gewaltsam herbeizwingen, ohne Rücksicht auf Verluste: Das ist die Art des Menschen, das entspricht unserer Natur.

Und das prägt auch die Sichtweise des Propheten. Und so setzt der Gott zu:

„Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein? Wo sind deine großen Taten? Warum hältst du dich zurück? Schlägt dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen?“

Das ist schon recht gewagt, was da der Prophet Gott um die Ohren haut.

Was für ein Glück, dass Gott ganz anders ist.

Vor über 2000 Jahren ist Gott dem Ansinnen des Propheten nachgekommen.

Der Himmel hat sich geöffnet und Gott ist herabgefahren, aber nicht als unbezwingbarer und furchteinflößender Gottkönig, sondern als kleines und hilfloses Kind.

Ja, Gott hat sich eingemischt, hat sich und seinen Geist hineingemengt in das Leben und die Welt von uns Menschen.

Und das will er auch in meiner und deiner Lebenswirklichkeit tun: Sich einmischen, sich hineinmischen in meine kleine Welt.

Meine kleine, private Welt, die da und dort auch ganz schön aus den Fugen geraten ist – zumindest aus Gottes Sicht.

Advent: Die Sehnsucht, dass nach ein paar festlichen Tagen nicht wieder alles beim Alten bleibt, sondern sich bei mir endlich etwas ändert.

Dazu muss ich Gott Einlass gewähren, wenn er bei mir anklopft, auf der Suche nach Herberge.

Mitten in seinem düsteren wort- und bildgewaltigen Klagepsalm scheint der Prophet dafür ein Gespür zu entwickeln wenn er Gott fragt:

„Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren? Warum hast du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr vor dir haben?“

Die Veränderung der Welt fängt mit mir an.

Wenn Gott sich aufmacht, um das von uns Menschen angerichtete Durcheinander und Unheil in dieser Welt wieder in Ordnung zu bringen, führt ihn sein Weg herab vom Himmel geradewegs zu meiner Herzenstüre:

In der Offenbarung des Johannes spricht Christus:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Advent: Veränderung herbeisehnen und offen dafür sein, dass Gott mit mir anfängt.

Advent: Die Sehnsucht, dass Gott bei mir ankommt. Amen.

GL Christian Kohl