Christus Kirche
Die Auferstehung ist eine Wirklichkeit, die einbricht in unser Leben, plötzlich, immer wieder neu. Weil wir wissen, dass diese Hoffnung über unserem Leben steht, darum können wir mit all den Zweideutigkeiten unseres Lebens leben.

Ostersonntag – Andacht

Ostersonntag

Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten    

(1. Kor. 15,19-20a)

   

  

Das Evangelium von der Auferstehung Jesu, so wie es uns Markus überliefert hat (Mk. 16,1-8) endet eigenartig: Denn die Geschichte der Frauen, die am Ostermorgen zum Grab kommen und es leer vorfinden, endet nicht mit Osterjubel.

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Von österlicher Freude ist nicht die Rede. Vielmehr heißt es am Ende:

„Und die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“

Wieso fürchten sich die Frauen? Ausgerechnet die Frauen, die bis zur Kreuzigung bei Jesus geblieben waren. Sie waren nicht wie die Jünger geflohen.

Am Tag nach dem Sabbat kommen sie zum Grab, um den Leichnam mit wohlriechendem Öl zu salben.

Es sind mutige Frauen, denn sie bekennen sich mit ihrem Gang zum Grab zu einem, der als politischer Aufrührer hingerichtet worden ist. Indem die Frauen den Toten ehren wollen, widersprechen sie den Machthabern im Lande, den politischen und den religiösen. Ja, es sind mutige Frauen.

Aber was am Grab geschieht, das erschüttert diese Frauen zutiefst.

Der Mensch, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt hatten, war hingerichtet worden. Doch diesen Verlust ihrer Hoffnung, das Leiden des Gerechten, die Härte der Mächtigen – all dies konnten die Frauen realistisch in ihr Weltbild einordnen.

 So ist es eben in der Welt: Die Mächtigen regieren, Hoffnungen werden zerstört, die zarte Pflanze der Liebe erstickt unter den Dornen, am Ende herrscht der Tod.

Am Ostermorgen wird den Frauen diese letzte Gewissheit genommen. Selbst auf den Tod ist kein Verlass mehr. Nun bricht ihr Weltbild zusammen. Eine ganze Wirklichkeit bricht unter ihren Füßen ein.

Wen wundert’s, dass es von den Frauen heißt:

„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.“

Gegen den Tod stellt sich das Wort des Engels:

„Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“

Jesus ist nicht bei den Toten, er ist nicht da, wo die Frauen ihn vermuten – er lebt.

Von diesem neuen Leben wissen wir nicht anders als die Frauen am Grab. Wir haben für dieses neue Leben keine Beweise.

Wir haben wie die Frauen am Ostermorgen nur ein einziges Wort: Er ist nicht hier, er ist auferstanden.

Und nun stellt sich uns mit diesem Wort des Engels die Frage: Woran glaubt ihr? Worauf gründet ihr euer Leben?

Orientiert ihr euch am Tod als der letzten Bestimmung des Lebens – oder gründet ihr euer Leben auf das Wort: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Jesus Christus lebt.

Glaubt ihr an die kalte Logik des Todes? Oder wagt ihr es, gegen allen Augenschein auf dieses Wort allein eure ganze Hoffnung zu setzen?

Ich verstehe, dass die Frauen zunächst einmal vor dieser Frage fliehen. Kann man denn wirklich sein Leben auf das Wort eines Engels gründen?

Auch wir haben den Auferstandenen nicht gesehen, wir haben wie die Frauen am Grab nur ein Wort: Jesus Christus lebt! Es bleibt immer nur ein Wort – aber dieses Wort beansprucht, letzte Wirklichkeit zu sein.

Man kann durchaus behaupten, das Grab Jesu sei zwar leer gewesen, damals hätte eben ein echtes Wunder sich ereignet – man kann das behaupten und dann doch für sich selbst lieber realistisch mit dem Tod als der letzten Wirklichkeit des Lebens rechnen.

Schon der Apostel Paulus hatte es in seinen Gemeinden mit solchen Christen zu tun: Die leugneten nicht die Auferstehung Jesu, leugneten aber, dass diese Auferstehung etwas mit uns zu tun hat.

Sie verstanden die Auferstehung Jesu als ein Geschehen in dieser Welt – aber nicht als ein Geschehen, das diese Welt aus den Angeln hebt.

Paulus ist diesen Christen strikt entgegengetreten. In seinem Brief an die Gemeinde zu Korinth schreibt er:

Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?

Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

Paulus gibt uns hier eine ernste Mahnung mit: Wenn wir unseren christlichen Glauben auf eine Reihe von christlichen Werten und Lebensweisheiten reduzieren, dann ist er vergeblich, selbst wenn wir das ganze noch mit ein paar schönen christlichen Bräuchen garnieren.

Einige Verse später fährt Paulus fort:

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.

Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.

Denn da durch „einen“ Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch „einen“ Menschen die Auferstehung der Toten.

Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.

Wenn der Tod einmal überwunden worden ist, dann ist die Macht des Todes ein für alle Mal gebrochen. Dann ist der Tod nicht mehr die Bestimmung allen Lebens. Dann darf und kann auch ich mein Leben nicht mehr unter der Perspektive des Todes leben.

Sondern so, wie es in einem bekannten Osterlied heißt: Jesus lebt – mit ihm auch ich.

Jesus lebt – mit ihm auch ich. Nur wer so spricht oder singt, hat den Sinn von Ostern verstanden.

Es geht nicht um ein fernes Mirakel, sondern es geht um die Wirklichkeit meines und deines Lebens.

Paulus kennt seine Korinther freilich gut: Während die einen zwar sagen: Jesus lebt, aber den Nachsatz vergessen: mit ihm auch ich, gibt es die anderen, die voller Überschwang bekennen: Ich werde leben in Ewigkeit, aber darüber den ersten Teilsatz vergessen: Jesus lebt – mit ihm auch ich.

Nein, sagt Paulus, von uns aus gesehen leben wir keineswegs ewig.

Was wir wahrnehmen, ist die Logik des Todes. Zerbrechlich ist unser Leben. Zerbrechlich das Leben der Menschen, die wir lieben und brauchen. Es ist die Not unseres Lebens, dass wir das immer wieder erfahren. Es ist die Not unseres Lebens, dass wir unter dem Schatten Adams leben, zu dem Gott gesagt hat: „Du bist Erde und du sollst zu Erde werden.“ (Gen 3, 19).

Aber wir gehören nicht nur Adam, wir gehören nicht nur der uralten Geschichte dieser Erde von Werden und Vergehen. Wir sind auch die, die zu Jesus gehören.

Dieser Jesus lässt mich nicht los, im Leben wie im Sterben.

Unser Name ist nicht nur in die Geschichte dieser Erde eingeschrieben, sondern auch in die Gottesgeschichte. Jesus lässt uns nicht los. Darum haben wir Teil an der Auferstehung Jesu Christi.

Das ist das Geheimnis unseres Lebens. Und dieses Geheimnis entfaltet Paulus in 1. Kor. Kapitel 15.

Wer von der Auferstehung ergriffen ist, der bestreitet dem Tod die letzte Wirklichkeit des Lebens zu sein. „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.“ schreibt Paulus einige Verse später.

Ja, wir werden sterben, aber im Sterben wird gelten: Jesus lebt – mit ihm auch ich.

Vielleicht könnte man sagen: Der Tod ist entmachtet, weil er es nicht mehr vermag, Menschen von Jesus zu trennen. Der Tod ist entmachtet, weil er Menschen zu Gott führen muss. Der Tod ist in dieser Perspektive nur noch der letzte Schritt auf Jesus hin.

Von der Auferstehung Jesu Christi an bis hin zur letzten Stunde leben wir unter der Verheißung der Auferstehung.

Wo aber Menschen in dieser Hoffnung leben, da ist ihnen die Auferstehung nicht nur Vergangenheit und nicht nur Zukunft. Das gewiss auch: Wir kommen von der Auferstehung Jesu her und gehen unserer Auferstehung entgegen.

Aber dazwischen ist die Auferstehung auch Gegenwart: Die Auferstehung ist eine Wirklichkeit, die einbricht in unser Leben, plötzlich, immer wieder neu.

Weil wir wissen, dass diese Hoffnung über unserem Leben steht, darum können wir mit all den Zweideutigkeiten unseres Lebens leben.

Noch nicht alles ist überwunden, noch nicht alle Feinde gebannt. Wir leben noch unter dem Schatten Adams. Unbegreifliches geschieht, es gibt Scheitern in unserem Leben, es gibt Not, Ungerechtigkeit und Sinnloses.

Die Hoffnung steht aber vor diesen Erfahrungen wie ein Pluszeichen vor einer Klammer.

Weil am Ende nicht der Tod steht, sondern Jesus Christus, weil am Ende alles aufgehoben und vollendet sein wird, wenn Gott alles in allem ist, dann gewinnt alles in unserem Leben eine neue Bedeutung.

Wie Jesus sich den Kindern, den Übersehenen, den Kranken und den Schuldbeladenen zugewandt hat, so wendet sich der Auferstandene auch dem zu, was in unserem Leben unscheinbar, krank oder misslungen ist.

Auch aus dem, was in unserer Geschichte längst abgestorben schien, kann neues Leben wachsen. Denn Gott greift ein in diese Welt – unscheinbar, verborgen, aber doch real.

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Wie ein Leuchtfeuer kann diese Osterbotschaft die Dunkelheit aus meinem Leben verbannen:

Jesus lebt – mit ihm auch ich!

Amen.

GL Christian Kohl