Die Leitfigur der Bewegung ans Kreuz genagelt. Wen sehe ich, wenn ich auf das Kreuz schaue? Einen von uns? Nur ein Mensch? Ein gescheiterter Idealist? Ich bin Gottes Sohn – sagt Jesus über sich selbst.

Karfreitag – Andacht

KARFREITAG

Ich bin Gottes Sohn (Joh. 18,28 – 19,30)

Nur zwei Menschen werden in unserem Glaubensbekenntnis neben Jesus namentlich genannt, und nur einer von den beiden mit vollem Namen: Pontius Pilatus.

Ein Römer, ein Heide, einer, der wegen seiner Grausamkeit berüchtigt war.

Ein Vertreter der weltlichen Macht. Kein Imperator, sondern nur ein Statthalter in einer unbedeutenden Provinz am östlichen Rande des römischen Reiches.

Aber er verkörpert die Macht in der Welt.

In Judäa ist er Oberbefehlshaber der römischen Legion und Richter zugleich. Sein Wort ist Gesetz.

Pontius Pilatus. Statthalter Roms.

Hören wir in mehreren Etappen aus dem Johannesevangelium, wie Jesus und Pilatus aufeinandertreffen.

Jesus vor Pilatus

28 Die führenden Priester brachten Jesus am frühen Morgen zum Palast des römischen Statthalters. 

 29 Pilatus kam zu ihnen heraus und fragte: »Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann?« 

30 Sie antworteten: »Wenn er kein Verbrecher wäre, hätten wir ihn dir nicht übergeben.« 

31 »Nehmt ihr ihn doch«, sagte Pilatus, »und verurteilt ihn nach eurem eigenen Gesetz!« »Wir dürfen ja niemand hinrichten!«, erwiderten sie. 

33 Pilatus ging in den Palast zurück und ließ Jesus vorführen. »Bist du der König der Juden?«, fragte er ihn. 

34 Jesus antwortete: »Bist du selbst auf diese Frage gekommen, oder haben dir andere von mir erzählt?« 

35 Pilatus erwiderte: »Bin ich etwa ein Jude? Dein eigenes Volk und die führenden Priester haben dich mir übergeben. Was hast du getan?« 

36 Jesus sagte: »Mein Königtum stammt nicht von dieser Welt. Sonst hätten meine Leute dafür gekämpft, dass ich den Juden nicht in die Hände falle. Nein, mein Königtum ist von ganz anderer Art!« 

Dein Reich komme, so bitten wir im Vater Unser.

Aber tragen wir auch ein Bild von diesem Himmelsreich in unseren Herzen?

Jesus hat in vielen Bildern und Gleichnissen von diesem Reich gesprochen. Klein und unbedeutend wie ein Senfkorn. Aber es wächst heran zu einem großen Baum, der Schutz bietet.

Leicht zu übersehen, aber doch ungemein wertvoll, wie ein Schatz, den ein Mann in einem Acker findet.

Eine offene Tür in die Zukunft, wie der Vater, der seinen verlorenen Sohn in die Arme schließt, ein Fest für ihn ausrichtet und ihm einen neuen Anfang schenkt.

Bilder, Visionen, Sehnsucht nach Freiheit und Heil.

Aber einst wird die Wirklichkeit den Traum übertreffen.

Der Apostel Paulus schreibt: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.“

Jesus steht Pontius Pilatus gegenüber: Ein unorthodoxer junger Rabbi und der Vertreter des römischen Reiches.

Und es geht um die Machtfrage. Wer ist König?

„Bist du der König der Juden?“ fragt der Römer.

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ antwortet Jesus.

37 Da fragte Pilatus ihn: »Du bist also doch ein König?« Jesus antwortete: »Ja, ich bin ein König. Ich wurde geboren und bin in die Welt gekommen, um die Wahrheit offenbar zu machen und als Zeuge für sie einzutreten. Wem es um die Wahrheit geht, der hört auf mich.«

Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Von welchem Reich träumen wir?

Er sagt: Ich bin ein König.

Auf wessen Herrschaft warten wir?

Er sagt: Ich bin gekommen, die Wahrheit zu bezeugen.

Wo suchen wir die Wahrheit unseres Lebens?

Gott, guter Gott, hilf dass wir uns nicht verlieren in unseren Träumen und Hoffnungen, sondern Jesus hören, deine Stimme für uns.

Darum bitten wir dich. Amen.

38 »Wahrheit«, meinte Pilatus, »was ist das?« Pilatus ging wieder zu den führenden Priestern hinaus und sagte zu ihnen: »Ich sehe keinen Grund, ihn zu verurteilen.

Ob Pilatus, der wegen seiner Grausamkeit berüchtigt war, etwas spürt, von der verborgenen Macht, die in diesem heruntergekommenen Wanderprediger und Wunderheiler steckt?

„Was ist Wahrheit?“ Eine abfällige Bemerkung. Er wendet sich ab und geht wieder hinaus zu den jüdischen Priestern.

Er will Jesus freilassen, aber die Menschen wollen lieber Barnabas den Verbrecher.

1 Da ließ Pilatus Jesus abführen und auspeitschen. 

2 Die Soldaten flochten aus Dornenzweigen eine Krone und setzten sie Jesus auf. Sie hängten ihm einen purpurfarbenen Mantel um, 

3 traten vor ihn hin und riefen: »Hoch lebe der König der Juden!« Dabei schlugen sie ihm ins Gesicht. 

4 Darauf ging Pilatus noch einmal zu ihnen hinaus und sagte: »Ich bringe ihn euch hier heraus, damit ihr seht, dass ich keinen Grund zu seiner Verurteilung finden kann.« 

5 Als Jesus herauskam, trug er die Dornenkrone und den purpurfarbenen Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: »Da, seht ihn euch an, den Menschen!« 

6 Als die führenden Priester und die Gerichtspolizisten ihn sahen, schrien sie im Chor: »Kreuzigen! Kreuzigen!« Pilatus sagte zu ihnen: »Nehmt ihn doch und kreuzigt ihn selbst! Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.« 

Zum dritten Mal sagt Pilatus, dass er keinen Grund sieht, Jesus zu verurteilen. Er hält ihn politisch für harmlos.

7 Die führenden Priester hielten ihm entgegen: »Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich zu Gottes Sohn erklärt.« 

8 Als Pilatus das hörte, bekam er noch mehr Angst. 

Kann das sein? Der wegen seiner Grausamkeit berüchtigte Oberbefehlshaber der römischen Legion vor Ort bekommt es mit der Angst zu tun?

Pilatus mag wohl grausam gewesen sein, aber ungebildet war er nicht. Er kannte die römischen und die griechischen Göttersagen. Und da gab es mehrere Göttersöhne, also von einem Gott gezeugte Menschen. Z. B. Herkules oder Perseus.

Alles sind sie gewaltige Heldengestalten.

Und da steht vor ihm ein ausgepeitschter und verhöhnter junger Rabbi, der – so behaupten es die Priester – erklärt haben soll, er sei Gottes Sohn.

Kein Gelächter? Sondern Angst?

Was geht da bloß in Pilatus vor?

Er lässt die Priester stehen und eilt zurück in seinen Palast und zu Jesus.

9 Pilatus ging in den Palast zurück und fragte Jesus: »Woher kommst du?« Aber Jesus antwortete ihm nicht. 

10 Pilatus sagte zu ihm: »Willst du nicht mit mir reden? Vergiss nicht, dass ich die Macht habe, dich freizugeben, aber auch die Macht, dich ans Kreuz zu bringen!« 

11 Jesus antwortete: »Du hättest keine Macht über mich, wenn Gott es nicht zugelassen hätte. Darum liegt die größere Schuld bei denen, die mich dir ausgeliefert haben.« 

12 Wegen dieser Worte versuchte Pilatus noch einmal, ihn freizulassen.

Jesus, der Angeklagte dreht den Spieß um und redet mit Pilatus über die Schuldfrage. Und er geht noch einmal auf die Machtfrage ein: „Du hättest keine Macht über mich, wenn Gott es nicht zugelassen hätte.“

Pilatus entgegnet nichts, sondern eilt wieder hinaus zu den Priestern. Er, der eigentlich zu entscheiden hat, will versuchen, Jesus freizulassen.

Aber die Wortführer der Juden schrien: »Wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des Kaisers! Wer sich als König ausgibt, stellt sich gegen den Kaiser!« 

13 Als Pilatus das hörte, ließ er Jesus herausführen.

Pilatus sagte zu den anwesenden Juden: »Da habt ihr euren König!« 

15 Sie schrien: »Weg mit ihm! Ans Kreuz!« Pilatus fragte sie: »Euren König soll ich kreuzigen lassen?« Die führenden Priester antworteten: »Unser einziger König ist der Kaiser in Rom!«

16 Da lieferte Pilatus ihnen Jesus aus und gab ihn frei zur Kreuzigung.

Die Hosianna Rufe sind verklungen.

„Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna!“

Noch vor wenigen Tagen waren alle von Jesus begeistert, und jetzt heißt es: „Weg mit ihm! Ans Kreuz mit ihm!“

Niemand fragt jetzt noch nach dem Messias, nach dem Erlöser.

„Unser einziger König ist der Kaiser in Rom!“

Was rufen wir?  Wer ist unser einziger König?

 

Jesus am Kreuz

17 Jesus trug selber sein Kreuz aus der Stadt hinaus, bis zum so genannten Schädelplatz – auf Hebräisch heißt er Golgota. 18 Dort nagelten sie Jesus ans Kreuz. 

Drei Jahre Einsatz für die Menschen sind zu Ende.

Menschen haben Jesus gehört, seine Gleichnisse, seine unvergleichlichen Reden über Gott und die Welt, seine legendäre Bergpredigt.

Menschen haben ihn erlebt, haben miterlebt, wie er Kranke geheilt hat, Dämonen vertrieben hat und Menschen wieder Hoffnung gegeben hat.

Menschen haben Vertrauen zu ihm gefasst, sind ihm nachgefolgt. Haben ihn mit Meister angesprochen.

Und jetzt ist alles aus. Das Blatt hat sich gewendet.

Sackgasse. Endstation.

Alle haben sie ihn verlassen.

Sein treuester Anhänger ihn sogar dreimal verleugnet.

Aus der Traum von der Neuen Welt.

Die Leitfigur der Bewegung ans Kreuz genagelt.

Wen sehe ich, wenn ich auf das Kreuz schaue?

Einen von uns? Nur ein Mensch? Ein gescheiterter Idealist?

Ich bin Gottes Sohn – sagt Jesus über sich selbst.

Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt trägt – sagt Johannes der Täufer über ihn.

Hat Pilatus hinter der Ohnmacht dieses Menschen die Allmacht des Schöpfergottes erahnt?

Spüre ich etwas von jenem tiefen Geheimnis?

Der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe.

Die bedingungslose Liebe und Hingabe Gottes, die es mit der Dunkelheit des Todes aufnimmt und die Macht des Bösen durchkreuzt?

Das Weizenkorn, das in die Erde und den Tod versinkt, um neues Leben zu erschaffen.

25 Nahe bei dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und deren Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala. 

26 Jesus sah seine Mutter dort stehen und neben ihr den Jünger, den er besonders lieb hatte.

Menschen stehen unter dem Kreuz: als Täter, als Opfer, als Trauernde, als Verzweifelte, mit Schuld beladen, auf der Suche nach Vergebung, nach einem Zeichen der Hoffnung.

Menschen stehen unter dem Kreuz, und wir mitten unter ihnen.

Sieh uns an, Herr, sieh unsere Not!

Richte uns auf, sprich uns frei, stärke uns, tröste uns.

Das bitten wir dich. Amen.

Jesus stirbt

28 Jesus wusste, dass nun alles zu Ende gebracht war. Er

sagte: »Jetzt ist alles vollendet.« Dann ließ er den Kopf sinken und gab sein Leben in die Hände des Vaters zurück.

Den letzten Worten bedeutsamer Persönlichkeiten wird immer eine ganz besondere Bedeutung zugemessen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und später, nach der Tränkung mit Essig noch ein lauter Schrei, so erzählen uns Markus und Matthäus Jesu Ende.

Auch bei Lukas endet sein Leben mit einem lauten Ruf, aber diesmal mischt sich zur Verzweiflung auch das Vertrauen:

„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Ganz anders überliefert es uns der Evangelist Johannes.

Kein letztes Aufbäumen, kein letzter Schrei, sondern ein letztes Festhalten am Sinn seiner schweren Aufgabe:

„Es ist vollbracht!“ oder wie es unsere Übersetzung noch treffender übersetzt: „Jetzt ist alles vollendet“.

VOLL-ENDET. Ja, es ist ein Ende. Aber ein Ende, durch das etwas voll werden kann. Ein Ende, das zur Fülle führt.

Wie so oft geht der Blick von Johannes ganz tief und hinter all das Vordergründige. Johannes sieht tiefer, und er sieht weiter:

Wie hat es Margot Bickel formuliert:

Ausweglosigkeit birgt in sich

Neubeginn, Aufbruch, Auferstehung.

Wenn wir glauben, am Ende zu sein,

stehen wir erst am Anfang. Amen.

GL Christian Kohl