Jesus von Nazareth war so sehr Mensch aus Fleisch und Blut, daß er diese Erfahrung auch durchlitten hat: Grenzenlose Einsamkeit und Verlassenheit. Verzweiflung und Verunsicherung bis hinein in die tiefsten Tiefen seiner Seele. Nur eines konnte er da noch tun: Sich auf die Erde werfen und zu Gott beten.

Gründonnerstag – Andacht

GRÜNDONNERSTAG

Im Garten Gethsemane      (Mk. 14,32-42)

Das Markusevangelium ist das älteste Evangelium und entstand ca. 70 n. Chr. Markus beschränkt sich auf das Wesentliche. Kurz und bündig schildert er uns das Wichtigste aus dem Leben Jesu.

Theologisch überfrachtete  Textstellen sind seinem nüchternen Erzählstil fremd. Das Markusevangelium wirkt besonders ursprünglich und Jesus von Nazareth wird so geschildert, wie ihn die ersten Christen noch selbst erlebt haben: Als ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Auch die Ostererzählung setzt bei Markus knapp und nüchtern ein. Die Erzählung vom glanzvollen Einzug in Jerusalem fehlt. Stattdessen heißt es lakonisch:

„Es waren noch 2 Tage bis zum Passafest“. Und weiters berichtet uns Markus: „Die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten. Ja nicht bei dem Fest (so ihre Überlegung), damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.“

Als nächstes lesen wir von der Salbung in Bethanien. Die Jünger kritisieren die Vergeudung des kostbaren Salböls, doch Jesus verteidigt die Tat der unbekannten Frau.

Dann der Verrat von Judas. Es heißt wörtlich:

„Die Hohepriester wurden froh und versprachen Geld.“

Schließlich feiert Jesus mit seinen Jüngern das Passafest. Einmal noch feiern und essen sie gemeinsam. Doch vieles läuft anders als erwartet. Plötzlich ist vom Verrat die Rede und davon, daß selbst Petrus seinen Herrn verleugnen wird.

Und als Jesus das Brot und den Kelch in die Hand nimmt, um das übliche Dankesgebet zu sprechen, bezieht er Brot und Wein auf sich selbst – „Nehmet, das ist mein Leib – trinket, das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“

Später am Abend gehen die Jünger mit Jesus hinauf auf den Ölberg, einem kleinen Hügel gegenüber der Stadt Jerusalem. Hier setzt unser Predigttext ein:

32 Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. 33 Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen 34 und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet! 35 Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, 36 und sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! 37 Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen? 38 Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. 39 Und er ging wieder hin und betete und sprach dieselben Worte 40 und kam wieder und fand sie schlafend; denn ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten. 41 Und er kam zum dritten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. 42 Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, der mich verrät, ist nahe.

Gethsemane, der Ort der letzten Entscheidung. Rein äußerlich ist es nur die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, doch der Schein trügt.

Das Schicksal der Welt entscheidet sich nicht auf Golgatha, sondern hier im Garten Gethsemane.

Es sind die entscheidensten Minuten im Leben Jesu. Die Lage hat sich dramatisch zugespitzt, die Karten sind verteilt. Judas ist schon unterwegs.

Aber noch ist alles offen. Noch könnte die Geschichte von Jesu Leben und Wirken in eine völlig andere Richtung verlaufen. Die Entscheidung fällt nicht auf Golgatha sondern in Gethsemane!

Nach außen hin ist alles ruhig. Es ist Nacht, die Jünger kämpfen mit dem Schlaf. Und doch: In diesem Moment steht Jesus am Scheideweg. Die innere Krise ist an ihrem Höhepunkt angelangt.

So ruhig sich die Szene auch äußerlich gibt – ein Garten, das Fest gelaufen, die großen Reden gehalten – im Inneren Jesus tobt ein gewaltiger Kampf. Entsetzen und Angst packt ihn.

Bis ins Innerste seiner Seele hinein spürt er das Grauen und die Verunsicherung.

Es heißt: „und Jesus fing an zu zittern und zu zagen und sprach: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“

Auf dem Höhepunkt seiner Lebenskrise zieht sich Jesus zurück. Er meidet die Menge und geht aus der Stadt hinaus. Ja aus dem Kreis seiner engsten Vertrauten wählt er in Gethsemane nur drei Freunde aus, die er in seiner Nähe haben möchte.

Und schließlich entfernt er sich sogar noch ein wenig von diesen drei, einen Steinwurf weit, wie es uns der Evangelist Lukas berichtet.

Trotzdem möchte Jesus seine Jünger in seiner Nähe wissen und hofft, daß sie in dieser schweren Stunde mit ihm wachen und beten.

Doch was muß er erleben? Selbst seine besten Freunde sind überfordert, ja nicht einmal Petrus schafft es, wach zu bleiben. Als er sie zum 2. Mal zur Rede stellt, heißt es: „Ihre Augen waren voller Schlaf, und sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten.“

Wenn in einem Märchen die Bedeutung einer Handlung besonders betont werden soll, so wird sie dreimal wiederholt. So auch hier: Dreimal versucht Jesus seine Freunde dazu zu bringen, ihm beizustehen und jedesmal findet er sie wieder schlafend vor.

Im entscheidensten Moment seiner inneren Auseinander-setzung blieb Jesus von allen Menschen allein gelassen. Und so heißt es:

„Er warf sich auf die Erde und betete.“

Wie ein kleines Kind seine Vater anredet, so betet Jesus zu Gott: „Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir.“

Am Anfang von Jesu Wirken lesen davon, daß er in die Wüste ging, und dort von Satan versucht wurde. Jetzt, am Ende seines Weges geht er in einen Garten und ein weiteres Mal wird er versucht.

Bei seiner Verhaftung wird er zu einem Jünger sagen:

„Meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, daß er mir sogleich zwölf Legionen Engel schickte?“

Jesus am Scheideweg. Verzweifelt, verzagt, auf den Boden geworfen, allein. Im Gebet ringt er mit Gott: Worum soll er seinen himmlischen Vater bloß bitten?

„Nimm diesen Kelch von mir!“ oder „Schicke mir zwölf Legionen Engel!“

 Das Schicksal der Welt entscheidet sich in diesem Moment. Es steht auf des Messers Schneide.

Von seinen besten Freunden im Stich gelassen ringt Jesus im Gebet. Bei Lukas heißt es:

„Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“

Und dann, ja dann ringt Jesus sich den folgeschweren Satz ab:

„doch nicht was ich will, sondern was du willst!“

Während Petrus schläft, trifft sein Meister und Freund die schicksalhafte Entscheidung, den bitteren Kelch bis zur Neige auszutrinken.

Glaubensgehorsam – können wir mit diesem gewichtigen Begriff noch etwas anfangen?  

Jesus vertraut darauf, daß der ihm vorgezeichnete schwere Weg der einzig richtige ist.

Er vertraut darauf, daß Gott ihn und alle Menschen liebt.

Er vertraut darauf, daß Gott sich nicht von ihm abwenden wird, sondern ihn durchtragen wird: Durch die Finsternis zum Licht. Durch den Tod zum ewigen Leben.

Als der Verräter mit den Soldaten naht, sind die Würfel schon längst gefallen. Zwar springt Petrus auf, greift nach dem Schwert um seinen Herrn zu verteidigen und schlägt einem Soldaten das rechte Ohr ab, doch die Festnahme seines Herrn kann er damit nicht mehr aufhalten.

Im Gegenteil: Jesus rührt das Ohr an und heilt den Soldaten. Es ist die letzte Heilungsgeschichte, die uns da erzählt wird!

Liebe Gemeinde, wenn wir uns heute daran erinnern, was damals vor ca 2000 Jahren im Garten Gethsemane geschah, dann wird uns eines ganz klar vor Augen geführt:

Es gibt Momente in unserem Leben, da sind wir völlig alleingelassen. Kein anderer Mensch kann uns dann folgen, kein anderer für uns unsere Last tragen, kein anderer für uns unser Leben leben, kein anderer für uns unsere Entscheidungen treffen.

Auch wenn wir zuverlässige Weggefährten bei uns haben, oder sogar einen geliebten Partner: Es gibt die dunklen Täler, durch die wir ganz alleine wandern müssen.

Jesus von Nazareth  war so sehr Mensch aus Fleisch und Blut, daß er diese Erfahrung auch durchlitten hat: Grenzenlose Einsamkeit und Verlassenheit. Verzweiflung und Verunsicherung bis hinein in die tiefsten Tiefen seiner Seele. Keiner da, der ihm die schwerste aller Entscheidungen abnimmt.

Nur eines konnte er da noch tun: Sich auf die Erde werfen und zu Gott beten. Bei Lukas heißt es übrigens an dieser Stelle:

„Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.“

Wenn wir uns von aller Welt verlassen fühlen, wenn wir verzweifelt sind, und nicht mehr erkennen können, wie es weitergehen soll: Dann dürfen wir eines wissen:

Es gibt einen, der immer weiß, wie es um uns bestellt ist. Es gibt einen, der uns immer versteht, weil er selbst durch das finsterste Tal gewandert ist.

Wenn wir nicht mehr ein und aus wissen, dann können wir im Gebet zu Gott kommen. Und wir dürfen ihn ganz persönlich und ganz vertrauensvoll ansprechen.

Und auch wenn Gott uns den schwierigen Weg nicht abnimmt, auch wenn er uns keine zwölf Legionen Engel schickt:

Es wird uns einen Engel schicken um uns zu trösten und zu stärken.

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir.“

Amen

GL Christian Kohl